Balkendiagramm der Schadensbefunde aus 41.832 Baumkontrollen: Rindenschaden 28,5 Prozent, Ast- und Kronenausbruch 17,1 Prozent, Bodenverdichtung 10,6 Prozent, holzzersetzender Pilz 6,2 Prozent

28.201 Kontrollbefunde ausgewertet: Der häufigste Schaden ist nicht der gefährlichste

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 18.08.2026

Wir führen derzeit 97.334 stehende Bäume in den von uns betreuten Baumkatastern. Aus diesen Beständen liegen 41.832 dokumentierte Kontrollen vor, und darin stecken 29.277 erfasste Schadensbefunde. Zum ersten Mal haben wir diese Befunde über alle Bestände hinweg zusammengezählt und die uneinheitlichen Schadenskataloge auf gemeinsame Kategorien gebracht. Das Ergebnis widerspricht der landläufigen Vorstellung davon, wonach ein Baumkontrolleur eigentlich sucht.

Balkendiagramm der Schadensbefunde aus 41.832 Baumkontrollen: Rindenschaden 28,5 Prozent, Ast- und Kronenausbruch 17,1 Prozent, Bodenverdichtung 10,6 Prozent, holzzersetzender Pilz 6,2 Prozent
Verteilung der Schadensbefunde über alle betreuten Bestände. Grundlage: 28.201 auswertbare Einzelbefunde, Stichtag 18.08.2026.

Was in den Kontrollprotokollen wirklich steht

Der mit Abstand häufigste Befund ist Rindenschaden oder Nekrose, also abgestorbenes Rinden- und Kambiumgewebe: 8.043 von 28.201 auswertbaren Einzelbefunden, das sind 28,5 Prozent. Dahinter folgen Ast- und Kronenausbrüche mit 17,1 Prozent und Bodenverdichtung mit 10,6 Prozent. Holzzersetzende Pilze kommen auf 6,2 Prozent, Fäule und Morschung auf 4,5 Prozent.

Wer Baumkontrolle vor allem mit der Suche nach Pilzfruchtkörpern verbindet, liest diese Reihenfolge als Entwarnung. Das ist der falsche Schluss, und zwar aus zwei Gründen.

Häufigkeit sagt nichts über Gefahr

Ein Rindenschaden am Stammfuß, wie ihn ein Mäher, ein Freischneider oder ein rangierendes Fahrzeug hinterlässt, ist schnell erkannt und schnell notiert. In den allermeisten Fällen ist er kein Grund, an der Bruchsicherheit zu zweifeln. Der Baum überwallt die Wunde, wir schreiben den Befund ins Kataster, und beim nächsten Durchgang sehen wir nach, ob sich etwas verändert hat. Von dieser Sorte gibt es Tausende, und sie führen so gut wie nie zu einer Fällung.

Der Befund, der eine eingehende Untersuchung oder eine Fällung nach sich zieht, ist dagegen der seltene. In unserer Kategorie „holzzersetzender Pilz“ steckt beides nebeneinander: der Fruchtkörper, der nur beobachtet wird, und der, der einen Baum innerhalb einer Saison aus dem Bestand nimmt. Die Zählung kann das nicht trennen, die Beurteilung am Baum sehr wohl.

Die Kette, die wir in jedem Gutachten aufschreiben, lautet immer gleich: Befund, Deutung, Konsequenz für die Verkehrssicherheit. Die Häufigkeit eines Befundes kommt in dieser Kette nicht vor. Sie sagt etwas über den Zustand einer Stadt aus, nichts über das Risiko des einzelnen Baums.

Was leicht zu sehen ist, wird öfter aufgeschrieben

Der zweite Grund liegt in der Erfassung selbst. Eine aufgerissene Rinde auf Brusthöhe sieht jeder. Der Brandkrustenpilz (Kretschmaria deusta, Weißfäule an Stammbasis und Wurzelanläufen) bildet über die Sommermonate eine graubraune bis schwarze Kruste, die wirkt, als gehöre sie zur Borke. Er sitzt oft unter Efeu, unter Laub oder unter aufgeschüttetem Boden. Wer den Stammfuß nicht freilegt, findet ihn nicht.

Jede Häufigkeitsstatistik bildet deshalb auch ab, wie gut ein Merkmal auffindbar ist. Die 6,2 Prozent sind eher eine Untergrenze als ein Messwert. Für die Kontrollpraxis folgt daraus etwas sehr Konkretes: Die Zeit, die man am Stammfuß verbringt, ist besser investiert als die Zeit, die man mit dem Fernglas in der Krone verbringt. Am Stammfuß entscheidet sich die Standsicherheit.

Der dritte Platz ist der unbequemste

2.986 Befunde entfallen auf Bodenverdichtung. Dieser Schaden entsteht nicht am Baum, sondern um ihn herum: befahrene Wurzelbereiche, Materiallagerung, Parken auf der Baumscheibe, Bauarbeiten ohne Schutzmaßnahmen. Er ist zum Kontrollzeitpunkt fast nie akut, und genau das macht ihn unangenehm. Die Reaktion des Baumes auf einen verdichteten Wurzelraum sehen wir häufig erst Jahre später, dann als Kronenrückgang oder als Eintrittspforte für Wurzelpilze. Mit über zehn Prozent aller Befunde ist das kein Randthema, sondern der Preis dafür, wie in Städten neben Bäumen gearbeitet wird.

Wie wir gezählt haben

Grundgesamtheit sind alle von uns betreuten Bestände, aggregiert und ohne Zuordnung zu einzelnen Auftraggebern: 12 Bestände, 204 Liegenschaften, 97.334 stehende Bäume, Stichtag 18. August 2026. Ausgewertet wurden alle in den Kontrollen erfassten Schadensbefunde. Von 29.277 Befunden ließen sich 28.201 eindeutig einer Kategorie zuordnen; der Rest besteht aus Freitexten und aus Katalogbezeichnungen übernommener Fremdsysteme, die sich nicht ohne Interpretation vereinheitlichen lassen. Alle Prozentangaben in diesem Beitrag beziehen sich auf diese 28.201. Mehrere Befunde an einem Baum zählen einzeln.

Was diese Zahlen nicht hergeben

Die Auswertung zeigt Häufigkeiten, keine Ursachen. Aus der Reihenfolge lässt sich nicht ableiten, was Bäume tatsächlich zu Fall bringt, denn dafür bräuchte es die Schadensfälle, nicht die Befunde.

Die Kategorien überschneiden sich biologisch. Fäule und Morschung (4,5 Prozent) und Höhlungen (5,6 Prozent) sind in vielen Fällen das späte Ergebnis genau der Pilztätigkeit, die eine Zeile höher mit 6,2 Prozent steht. Wer alles zusammenrechnen wollte, was auf Holzzersetzung zurückgeht, käme deutlich über zehn Prozent. Wir tun das nicht, weil sich Ursache und Folge in den vorhandenen Daten nicht sauber trennen lassen.

Und es ist kein Bundesdurchschnitt. Unsere Bestände sind kein repräsentativer Querschnitt deutscher Stadtbäume, sondern die Bestände, die wir betreuen, mit ihrer eigenen Alters-, Standort- und Artenmischung. Der Schwerpunkt der Kontrollen liegt zudem in den Jahren 2025 und 2026, eine belastbare Zeitreihe ist daraus noch nicht zu bauen.

Was wir daraus machen

Für die Regelkontrolle nach FLL ändert die Statistik nichts am Ablauf, aber etwas an der Aufmerksamkeit. Der häufigste Befund ist selten der entscheidende, und der entscheidende versteckt sich dort, wo man sich bücken muss. Wenn in einer Ausschreibung steht, wie viele Bäume pro Tag zu kontrollieren sind, dann steht darin indirekt auch, ob am Stammfuß Efeu zur Seite geschoben wird. Wie wir das in der Regelkontrolle nach FLL handhaben, steht auf der Leistungsseite.

Quellen und weiterführende Links

Sichtbare Druckzonen und Beulen am Stammfuß einer Eiche, Anlass für eine eingehende Untersuchung

Wenn Altbäume plötzlich absterben: Was die Trockenheit 2026 für die Baumkontrolle bedeutet

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 17.08.2026

Die Stadt Aachen hat Ende Juli mitgeteilt, dass über das gesamte Stadtgebiet verteilt ältere, seit Jahren fest etablierte Bäume plötzlich trockenstehen und absterben. Düsseldorf hat Anfang August die Fällung von 173 Bäumen angekündigt: 56 davon bereits abgestorben, 69 weitere im Absterben. Das sind keine Ausreißer, sondern das Muster dieses Sommers. Bemerkenswert daran ist aber etwas anderes: Was jetzt gefällt wird, ist nicht der Schaden dieses Sommers. Es ist die Rechnung für die Trockenjahre davor.

Befund: Der Schaden beginnt unter der Erde

Aachen beziffert die ausgetrocknete obere Bodenschicht auf 30 bis 50 Zentimeter; die Wasserspeicherkapazität von 150 bis 200 Litern je Kubikmeter Boden sei derzeit leer, und in den vergangenen vier Monaten sei nur zweimal die als notwendig genannte Menge von 15 Litern je Quadratmeter gefallen. Das ist eine präzise Beschreibung genau des Bodenhorizonts, in dem ein Altbaum den größten Teil seiner Feinwurzeln hat.

Feinwurzeln sterben als erstes ab, und man sieht es dem Baum zunächst nicht an. Er zehrt von Reserven, bei großen, alten Bäumen über eine, oft über mehrere Vegetationsperioden hinweg. Sichtbar wird der Verlust erst, wenn diese Reserven aufgebraucht sind. Daher der Eindruck, den wir in fast jeder Kontrollsaison von Grünflächenämtern geschildert bekommen: „Der stand letztes Jahr noch voll im Laub.” Der Baum ist nicht plötzlich gestorben. Er war nur bis zuletzt in der Lage, den Schaden zu verdecken.

Deutung: Die Trockenheit öffnet die Tür, die Pilze gehen hindurch

Der zweite Teil des Schadens ist biologisch. Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft beschreibt in ihrem Vorhaben zu Baumarten unter Trocken- und Hitzestress denselben Zusammenhang, den wir am Einzelbaum sehen: Ein physiologisch geschwächter Baum verliert Abwehrleistung, und genau darauf warten die Schwächeparasiten.

Drei Beispiele, die in der Kontrolle nach Trockenjahren regelmäßig auftauchen:

  • Hallimasch (Armillaria spp.) – Weißfäule im Wurzel- und Stammfußbereich. Der klassische Schwächeparasit: an vitalen Bäumen chancenlos, an erschöpften Bäumen schnell.
  • Brandkrustenpilz (Kretzschmaria deusta): Weißfäule, meist als Simultanfäule am Stammfuß. Der aus unserer Sicht gefährlichste der drei, weil die Fruchtkörper unauffällig sind, der Befall lange kein Kronensymptom erzeugt und das befallene Holz spröde bricht, statt sich zu verformen. Düsseldorf nennt genau diesen Pilz als einen der Fällgründe.
  • Rußrindenkrankheit (Cryptostroma corticale): vor allem am Bergahorn, eng an Hitze- und Trockenstress gekoppelt, ebenfalls in der Düsseldorfer Meldung genannt. Hier kommt zur Standsicherheitsfrage ein Arbeitsschutzthema hinzu: Die Sporen sind für Beschäftigte in der Baumpflege atemwegsrelevant.

Dazu kommt, was Aachen als Symptom beschreibt: abplatzende Rinde. Jede Rindennekrose ist eine offene Eintrittspforte. Der Trockenschaden von 2022 oder 2025 wird auf diesem Weg zum Fäuleschaden von 2027.

Konsequenz für die Verkehrssicherheit

Der tote Baum ist der einfache Fall. Er ist nicht mehr verkehrssicher, das ist unstrittig, und er wird abgearbeitet. Die eigentliche Kontrollaufgabe liegt woanders, nämlich bei den Bäumen, die noch grün sind und trotzdem Anzeichen zeigen: Kronenrückgang von außen nach innen, zunehmendes Totholz in den Lichtkronen, Rindennekrosen an besonnten Stammseiten, Fruchtkörper am Stammfuß.

Für diese Bäume ist die relevante Entscheidung nicht „fällen oder stehen lassen”, sondern das Kontrollintervall. Die FLL-Baumkontrollrichtlinien machen das Intervall von Baumzustand, Entwicklungsphase und Standort abhängig. Nach mehreren Trockenjahren verändert sich der Zustand ganzer Bestandsgruppen gleichzeitig. Wer nach so einer Saison für geschädigte Straßenbaumreihen das Intervall verkürzt, sollte das im Kataster begründet festhalten. Genau diese Begründung ist es, die im Schadensfall zählt: nicht dass kontrolliert wurde, sondern dass die Intervallwahl fachlich hergeleitet war.

Und wo ein Verdacht auf Stammfußfäule besteht, endet die Sichtkontrolle. Das Ausmaß einer Simultanfäule lässt sich von außen nicht abschätzen; dort muss gemessen statt geschätzt werden.

Was die Regelkontrolle nicht leisten kann

Dazu gehört auch der ehrliche Teil: Eine Kontrolle vom Boden sieht den Feinwurzelverlust nicht. Sie kann nicht vorhersagen, in welchem Jahr ein erschöpfter Altbaum aufgibt. Was sie leisten kann, ist die Erfassung und Bewertung der Anzeichen und die Entscheidung, wann eine eingehende Untersuchung nötig wird. Das ist weniger, als mancher erwartet, aber es ist der Teil, der belastbar ist.

Wichtig bleibt dabei: geschwächt ist nicht gleich fällreif. Über alle bisher von uns durchgeführten eingehenden Untersuchungen hinweg war in rund 84 % der Fälle keine Fällung erforderlich (eigene Auswertung, Stand 28.07.2026). Häufig genügt eine Maßnahme in der Krone oder ein verkürztes Kontrollintervall. Der Trockenstress der vergangenen Jahre erhöht die Zahl der Bäume, die genauer angesehen werden müssen. Er erhöht nicht automatisch die Zahl der Bäume, die weg müssen.

Für die kommende Kontrollsaison heißt das praktisch: Bäume mit Kronenrückgang aus den Vorjahren nicht als „bekannt” abhaken, sondern den Verlauf vergleichen. Zwei Kontrollen mit demselben Befund sind eine Momentaufnahme; zwei Kontrollen mit sich verschlechterndem Befund sind ein Trend, und Trends sind das, was in der Verkehrssicherung tatsächlich entscheidungsrelevant ist.

Quellen und weiterführende Links