Fallstudien

Aus der Praxis

In rund 84 % unserer eingehenden Untersuchungen war keine Fällung erforderlich. Was das konkret bedeutet, zeigen echte Fälle aus unserer Arbeit — mit den Original-Messwerten. Ortsangaben und Auftraggeber sind aus Datenschutzgründen anonymisiert.

Fall 1: Riesenporling an der alten Friedhofsbuche — der Zugversuch gibt die Antwort

Ausgangslage: Eine Rotbuche in der Alterungsphase, 22 Meter hoch, Stammumfang über drei Meter, auf einem historischen Gräberfeld eines Friedhofs in Ostwestfalen — umgeben von Wegen. Ein Baumpflegebetrieb aus der Region bat uns um die technische Untersuchung im Unterauftrag.

Der Verdacht: An den Wurzelanläufen fanden sich Fruchtkörper-Rudimente des Riesenporlings (Meripilus giganteus) — ein Pilz, der die Wurzeln zersetzt und bei Buchen gefürchtet ist, weil betroffene Bäume ohne sichtbare Vorwarnung kippen können. Nach Augenschein allein hätte hier vieles für eine vorsorgliche Fällung gesprochen.

Die Messung: Zugversuch nach der Inklinometer-Methode, ergänzt um eine Bohrwiderstandsmessung. Der Baum wurde kontrolliert unter Last gesetzt, die Reaktion des Wurzeltellers millimetergenau gemessen.

Das Ergebnis: Gleichmäßige, elastische Verformung — der Sicherheitsfaktor lag mit 2,14 bzw. 2,01 (zwei Auswertungsvarianten) deutlich über dem erforderlichen Grenzwert von 1,5.

Die Entscheidung: Die Buche ist standsicher und blieb stehen — ohne eine einzige Maßnahme, mit einem Kontrollintervall von 12 Monaten. Der Friedhof behielt seinen prägenden Altbaum, der Auftraggeber eine belastbare, dokumentierte Grundlage.

Alte Rotbuche in voller Belaubung — nach eingehender Untersuchung erhalten
Steht heute noch: die untersuchte Rotbuche.

Fall 2: Brandkrustenpilz am Naturdenkmal — messen, wo viele längst fällen

Ausgangslage: Eine Blutbuche, 24,5 Meter hoch, als Naturdenkmal geschützt, direkt am Hauptweg nahe dem Eingang eines Friedhofs. Auftraggeber war die zuständige Behörde.

Der Verdacht: Ausgeprägte Rindennekrosen, leichter Hohlklang — und am Stammfuß die typischen Strukturen von Kretzschmaria deusta, dem Brandkrustenpilz. Er zersetzt das Holz von innen und gilt als einer der gefährlichsten Stammfußpilze überhaupt: Betroffene Bäume können spröde brechen, ohne dass man es ihnen von außen ansieht. Genau deshalb wird bei diesem Befund häufig sicherheitshalber gefällt.

Die Messung: Schalltomographie des Stammquerschnitts, dazu eine biomechanische Berechnung mit der Windlast nach DIN EN 1991 — für diesen Baum rechnerisch rund 90.000 Newton, die die Krone im Sturm auf den Stamm überträgt.

Das Ergebnis: Auf der Messebene waren erst 10 % des Querschnitts vom Abbau betroffen. Die verbleibende Restwand trägt die berechnete Windlast mit einem Sicherheitsfaktor von über 5 — Risikoeinstufung: gering.

Die Entscheidung: Das Naturdenkmal blieb stehen — aber nicht unbeobachtet: engmaschiges Kontrollintervall von 6 Monaten und eine ergänzende Windreaktionsmessung zur Überwachung der Standsicherheit. Genau so sieht verantwortungsvoller Umgang mit einem Brandkrustenpilz aus: weder blinde Entwarnung noch reflexhafte Fällung, sondern Messung, Berechnung und ein klarer Überwachungsplan.

Fall 3: Die Folgemessung — das Naturdenkmal unter echtem Wind

Ausgangslage: Die Blutbuche aus Fall 2. Die Schalltomographie hatte die Bruchsicherheit des Stammes belegt — offen blieb die zweite Frage: Wie fest steht der Baum im Boden, wenn der Brandkrustenpilz im Wurzel- und Stammfußbereich aktiv ist? Standsicherheit lässt sich nicht sehen und nicht klopfen. Sie lässt sich nur messen.

Die Messung: Windreaktionsmessung — hochauflösende Neigungssensoren am Stammfuß, ein Anemometer über der Umgebung, dann übernimmt der Wind die Arbeit. Drei Stunden Messdauer bei Böen bis 56 km/h. Kein Seil, keine Sperrung, kein Eingriff: Der Baum wird von genau der Last geprüft, die ihn im Ernstfall umwerfen müsste.

Das Ergebnis: Die Wurzelverankerung reagierte über den gesamten Messzeitraum gleichmäßig elastisch (Korrelation 0,86). Hochgerechnet auf den Referenz-Orkan mit 120 km/h ergibt sich ein Sicherheitsfaktor von 8,76 für die Verankerung — der kritische Winddruck liegt um ein Vielfaches über dem, was am Standort je zu erwarten ist. Risikoeinstufung: gering.

Die Entscheidung: Beide Sicherheitsfragen — Bruch und Stand — sind jetzt mit Messwerten beantwortet. Das Naturdenkmal bleibt, das engmaschige Kontrollintervall überwacht die Entwicklung des Pilzes. So sieht ein vollständiges, gestuftes Untersuchungskonzept aus.

Auswertung der Windreaktionsmessung mit Sicherheitsfaktor 8,76 für die Wurzelverankerung
Die Original-Auswertung: Neigung über Winddruck, drei Stunden natürliche Windlast — Sicherheitsfaktor Wurzel 8,76.
Stamm der als Naturdenkmal geschützten Blutbuche mit Naturdenkmal-Plakette
Amtlich geschützt, technisch geprüft: die Blutbuche mit ihrer Naturdenkmal-Plakette.

Fall 4: Der Acht-Meter-Fehler — wenn das Kataster zu niedrig schätzt

Ausgangslage: Nicht jeder Fall beginnt an einem Baum — dieser beginnt in einer Tabelle. Bei einem Pflegeeinsatz stellte sich eine per Augenmaß geschätzte Baumhöhe als rund acht Meter zu niedrig heraus. Die Folge: Die bestellte Hubarbeitsbühne reichte nicht, eine größere musste her, und der Nachtrag lag im fünfstelligen Bereich. Wir wollten wissen: Einzelfall oder Muster?

Die Messung: Wir haben 584 Katasterbäume mit geschätzten Höhen gegen das amtliche Laserscan-Höhenmodell geprüft — jede erfasste Position, jede Schätzhöhe gegen den gemessenen Wert.

Das Ergebnis: Die Schätzungen lagen im Mittel zu niedrig — und etwa jeder zehnte Baum war um acht Meter oder mehr unterschätzt. Auf Steigerklassen umgerechnet hätte ein erheblicher Teil der Einsätze mit dem falschen Gerät begonnen. Der Einzelfall war keiner: Er war Statistik.

Die Konsequenz: Aus der Auswertung wurde ein Werkzeug — unser Baumkataster Arbovia vergleicht erfasste Höhen automatisch mit dem Laserscan und meldet im Klartext, wenn ein Baum eine größere Arbeitshöhe braucht, als das Kataster vermuten lässt. Bevor das Gerät bestellt ist, nicht danach. Mehr dazu: Baumbestandsanalyse.

Was diese Fälle gemeinsam haben

Zwei gefürchtete Pilzbefunde, eine Standsicherheits-Überwachung unter echtem Wind, ein Datenfehler mit fünfstelligen Folgen — und in keinem Fall hätte der Augenschein allein die richtige Antwort geliefert. Die Messung lieferte sie jedes Mal. Das ist kein Zufall, sondern unser Normalfall — in rund 84 % unserer eingehenden Untersuchungen war keine Fällung erforderlich. Mehr zur eingehenden Untersuchung · Fragen zu einem eigenen Verdachtsfall beantwortet Elias direkt hier im Chat.