Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 17.08.2026
Die Stadt Aachen hat Ende Juli mitgeteilt, dass über das gesamte Stadtgebiet verteilt ältere, seit Jahren fest etablierte Bäume plötzlich trockenstehen und absterben. Düsseldorf hat Anfang August die Fällung von 173 Bäumen angekündigt: 56 davon bereits abgestorben, 69 weitere im Absterben. Das sind keine Ausreißer, sondern das Muster dieses Sommers. Bemerkenswert daran ist aber etwas anderes: Was jetzt gefällt wird, ist nicht der Schaden dieses Sommers. Es ist die Rechnung für die Trockenjahre davor.
Befund: Der Schaden beginnt unter der Erde
Aachen beziffert die ausgetrocknete obere Bodenschicht auf 30 bis 50 Zentimeter; die Wasserspeicherkapazität von 150 bis 200 Litern je Kubikmeter Boden sei derzeit leer, und in den vergangenen vier Monaten sei nur zweimal die als notwendig genannte Menge von 15 Litern je Quadratmeter gefallen. Das ist eine präzise Beschreibung genau des Bodenhorizonts, in dem ein Altbaum den größten Teil seiner Feinwurzeln hat.
Feinwurzeln sterben als erstes ab, und man sieht es dem Baum zunächst nicht an. Er zehrt von Reserven, bei großen, alten Bäumen über eine, oft über mehrere Vegetationsperioden hinweg. Sichtbar wird der Verlust erst, wenn diese Reserven aufgebraucht sind. Daher der Eindruck, den wir in fast jeder Kontrollsaison von Grünflächenämtern geschildert bekommen: „Der stand letztes Jahr noch voll im Laub.” Der Baum ist nicht plötzlich gestorben. Er war nur bis zuletzt in der Lage, den Schaden zu verdecken.
Deutung: Die Trockenheit öffnet die Tür, die Pilze gehen hindurch
Der zweite Teil des Schadens ist biologisch. Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft beschreibt in ihrem Vorhaben zu Baumarten unter Trocken- und Hitzestress denselben Zusammenhang, den wir am Einzelbaum sehen: Ein physiologisch geschwächter Baum verliert Abwehrleistung, und genau darauf warten die Schwächeparasiten.
Drei Beispiele, die in der Kontrolle nach Trockenjahren regelmäßig auftauchen:
- Hallimasch (Armillaria spp.) – Weißfäule im Wurzel- und Stammfußbereich. Der klassische Schwächeparasit: an vitalen Bäumen chancenlos, an erschöpften Bäumen schnell.
- Brandkrustenpilz (Kretzschmaria deusta): Weißfäule, meist als Simultanfäule am Stammfuß. Der aus unserer Sicht gefährlichste der drei, weil die Fruchtkörper unauffällig sind, der Befall lange kein Kronensymptom erzeugt und das befallene Holz spröde bricht, statt sich zu verformen. Düsseldorf nennt genau diesen Pilz als einen der Fällgründe.
- Rußrindenkrankheit (Cryptostroma corticale): vor allem am Bergahorn, eng an Hitze- und Trockenstress gekoppelt, ebenfalls in der Düsseldorfer Meldung genannt. Hier kommt zur Standsicherheitsfrage ein Arbeitsschutzthema hinzu: Die Sporen sind für Beschäftigte in der Baumpflege atemwegsrelevant.
Dazu kommt, was Aachen als Symptom beschreibt: abplatzende Rinde. Jede Rindennekrose ist eine offene Eintrittspforte. Der Trockenschaden von 2022 oder 2025 wird auf diesem Weg zum Fäuleschaden von 2027.
Konsequenz für die Verkehrssicherheit
Der tote Baum ist der einfache Fall. Er ist nicht mehr verkehrssicher, das ist unstrittig, und er wird abgearbeitet. Die eigentliche Kontrollaufgabe liegt woanders, nämlich bei den Bäumen, die noch grün sind und trotzdem Anzeichen zeigen: Kronenrückgang von außen nach innen, zunehmendes Totholz in den Lichtkronen, Rindennekrosen an besonnten Stammseiten, Fruchtkörper am Stammfuß.
Für diese Bäume ist die relevante Entscheidung nicht „fällen oder stehen lassen”, sondern das Kontrollintervall. Die FLL-Baumkontrollrichtlinien machen das Intervall von Baumzustand, Entwicklungsphase und Standort abhängig. Nach mehreren Trockenjahren verändert sich der Zustand ganzer Bestandsgruppen gleichzeitig. Wer nach so einer Saison für geschädigte Straßenbaumreihen das Intervall verkürzt, sollte das im Kataster begründet festhalten. Genau diese Begründung ist es, die im Schadensfall zählt: nicht dass kontrolliert wurde, sondern dass die Intervallwahl fachlich hergeleitet war.
Und wo ein Verdacht auf Stammfußfäule besteht, endet die Sichtkontrolle. Das Ausmaß einer Simultanfäule lässt sich von außen nicht abschätzen; dort muss gemessen statt geschätzt werden.
Was die Regelkontrolle nicht leisten kann
Dazu gehört auch der ehrliche Teil: Eine Kontrolle vom Boden sieht den Feinwurzelverlust nicht. Sie kann nicht vorhersagen, in welchem Jahr ein erschöpfter Altbaum aufgibt. Was sie leisten kann, ist die Erfassung und Bewertung der Anzeichen und die Entscheidung, wann eine eingehende Untersuchung nötig wird. Das ist weniger, als mancher erwartet, aber es ist der Teil, der belastbar ist.
Wichtig bleibt dabei: geschwächt ist nicht gleich fällreif. Über alle bisher von uns durchgeführten eingehenden Untersuchungen hinweg war in rund 84 % der Fälle keine Fällung erforderlich (eigene Auswertung, Stand 28.07.2026). Häufig genügt eine Maßnahme in der Krone oder ein verkürztes Kontrollintervall. Der Trockenstress der vergangenen Jahre erhöht die Zahl der Bäume, die genauer angesehen werden müssen. Er erhöht nicht automatisch die Zahl der Bäume, die weg müssen.
Für die kommende Kontrollsaison heißt das praktisch: Bäume mit Kronenrückgang aus den Vorjahren nicht als „bekannt” abhaken, sondern den Verlauf vergleichen. Zwei Kontrollen mit demselben Befund sind eine Momentaufnahme; zwei Kontrollen mit sich verschlechterndem Befund sind ein Trend, und Trends sind das, was in der Verkehrssicherung tatsächlich entscheidungsrelevant ist.
Quellen und weiterführende Links
- Stadt Aachen: „Absterbende Bäume wegen anhaltender Trockenheit”, Pressemitteilung vom 31.07.2026
- Landeshauptstadt Düsseldorf: „Stadt muss 173 kranke und abgestorbene Bäume im Stadtgebiet fällen”, 03.08.2026
- Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft: PhytoKlim – Baumarten unter Trocken- und Hitzestress
- Deutsche Umwelthilfe: Hitze-Check 2026, Pressemitteilung vom 09.06.2026
- FLL: Baumkontrollrichtlinien