Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 16.08.2026
Ausgangslage: Eine Blutbuche, 24,5 Meter hoch, als Naturdenkmal geschützt, direkt am Hauptweg nahe dem Eingang eines Friedhofs. Auftraggeber war die zuständige Behörde.
Der Verdacht: Ausgeprägte Rindennekrosen, leichter Hohlklang – und am Stammfuß die typischen Strukturen von Kretzschmaria deusta, dem Brandkrustenpilz. Er zersetzt das Holz von innen und gilt als einer der gefährlichsten Stammfußpilze überhaupt: Betroffene Bäume können spröde brechen, ohne dass man es ihnen von außen ansieht. Genau deshalb wird bei diesem Befund häufig sicherheitshalber gefällt.
Die Messung: Schalltomographie des Stammquerschnitts, dazu eine biomechanische Berechnung mit der Windlast nach DIN EN 1991 – für diesen Baum rechnerisch rund 90.000 Newton, die die Krone im Sturm auf den Stamm überträgt.
So liest man dieses Tomogramm: Die Farben zeigen, wie schnell der Schall durch das Holz läuft. Außen der geschlossene dunkelgrüne Ring: festes Holz, der Schall läuft mit über 2.500 Metern pro Sekunde. Im Zentrum wird er dramatisch langsamer (rot bis blau): Dort arbeitet die Zersetzung. Entscheidend ist nicht, DASS eine Fäulezone da ist, sondern dass der tragende Mantel ringsum geschlossen und kräftig ist. Genau diese Geometrie ging in die Berechnung ein.
Das Ergebnis: Auf der Messebene waren erst 10 % des Querschnitts vom Abbau betroffen. Die verbleibende Restwand trägt die berechnete Windlast mit einem Sicherheitsfaktor von über 5 – Risikoeinstufung: gering.
Die Entscheidung: Das Naturdenkmal blieb stehen – aber nicht unbeobachtet: engmaschiges Kontrollintervall von 6 Monaten und eine ergänzende Windreaktionsmessung zur Überwachung der Standsicherheit. Genau so sieht verantwortungsvoller Umgang mit einem Brandkrustenpilz aus: weder blinde Entwarnung noch reflexhafte Fällung, sondern Messung, Berechnung und ein klarer Überwachungsplan.