Balkendiagramm: Abweichung des Sommer-NDVI je Baumart in den Sommern 2022 und 2025, Apfel mit dem tiefsten Einbruch, Fichte, Eibe und Platane am stabilsten

Fall 8: Fünf Sommer aus dem Weltraum. Welche Baumarten den Dürresommer weggesteckt haben

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 03.09.2026

Welche Baumarten haben den Dürresommer 2022 weggesteckt, welche Stadtteile haben am meisten gelitten, und wo lohnt sich Bewässerung zuerst? Für gut 20.000 Bäume einer Kommune haben wir diese Fragen aus dem Weltraum beantwortet: 314 Satellitenaufnahmen über fünf Sommer, ohne Befliegung, ohne Feldaufwand, ohne einen einzigen Baum anzufassen.

Ausgangslage

Eine Mittelstadt in Niedersachsen mit einem gut gepflegten Baumkataster: rund 25.000 Straßen-, Park- und Anlagenbäume. Die Kontrolldaten sind aktuell, die Regelkontrolle läuft. Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, die seit den Trockenjahren jedes Grünflächenamt stellt: Wie hat der Bestand die letzten Sommer eigentlich vertragen, und zwar nicht gefühlt, sondern gemessen, für jeden Stadtteil und jede Baumart?

Die klassische Antwort wäre eine Befliegung mit Infrarotkamera: teuer, ein Stichtag, und in drei Jahren veraltet. Wir haben stattdessen die Daten genutzt, die ohnehin vorhanden sind.

Die Methode: nicht der Baum, sondern seine Abweichung

Die europäischen Sentinel-2-Satelliten fotografieren jeden Ort alle paar Tage mit zehn Metern Bodenauflösung, frei zugänglich. Aus Rot und nahem Infrarot entsteht der Vegetationsindex NDVI, ein Maß für die Dichte grüner Blattmasse. Das Problem: Ein Straßenbaum ist kleiner als ein Satellitenpixel. In seinem Wert stecken Asphalt, Rasen und Nachbarbäume.

Der Kniff liegt deshalb nicht im absoluten Wert, sondern im Vergleich: Wir bilden für jeden Baum den Median aller wolkenfreien Aufnahmen von Juni bis September und messen, wie stark ein Sommer vom Mehrjahresmittel desselben Baums abweicht. Die Straße im Pixel war in jedem Jahr dieselbe, der Unterschied kommt vom Baum. Gemittelt über hunderte Bäume je Stadtteil oder Baumart wird daraus ein belastbares Signal.

Abweichung des Sommer-NDVI vom baumeigenen Mittel je Jahr für gut 20.000 Bäume
Fünf Sommer im Vergleich: 2022 als Stressjahr, 2023 als bestes Jahr. Die Wetterdaten darunter erklären das Bild. Enthält modifizierte Copernicus-Sentinel-Daten 2022 bis 2026.

Was der Bestand erzählt

Das Jahr: 2022 war das Stressjahr des Zeitraums, mit einer mittleren Abweichung von minus 0,030 bei 277 Millimetern Regen zwischen April und September und elf Hitzetagen. 2023 war das beste Jahr (plus 0,020, 415 Millimeter, drei Hitzetage). Interessant ist 2025: fast so trocken wie 2022, aber ohne Hitzewelle, und der Bestand hat es deutlich besser weggesteckt. Die Kombination aus Trockenheit und Hitze ist es, die den Bäumen zusetzt, nicht die Trockenheit allein.

Die Baumarten: Unter den großen Straßenbaumarten brach Apfel 2022 am tiefsten ein, gefolgt von Vogelkirsche und Feldahorn. Am stabilsten blieben Salweide, Winterlinde und Fichte. Das ist keine Literaturmeinung, das ist der gemessene Bestand dieser Stadt auf ihren Böden.

Abweichung des Sommer-NDVI je Baumart in den Sommern 2022 und 2025
Sechzehn Arten ab 120 Bäumen: Wer 2022 wenig abwich, kommt mit trockenen Sommern zurecht. Wer tief einbrach und sich 2025 wieder unten wiederfindet, ist auf diesen Standorten gefährdet.

Die Stadtteile: Auf einer 200-Meter-Karte werden die Einbrüche räumlich sichtbar. Am stärksten getroffen waren zwei jüngere Pflanzgebiete, darunter ausgerechnet ein als Klimabaum-Standort angelegtes Quartier mit minus 0,071. Und wo die Karte 2025 trotz des milderen Sommers braun bleibt, liegt der Verdacht auf Standortproblemen nahe, nicht auf dem Wetter. Genau dort gehört der Penetrometer in den Boden.

Was daraus folgt

Nachpflanzung: Die Arten aus dem oberen Teil der Tabelle sind die Kandidaten. Arten mit den tiefsten Einbrüchen nur noch an nachweislich günstigen Standorten. Das ist eine Artenwahl aus eigenen Daten statt aus Empfehlungslisten anderer Städte.

Bewässerung und Standortverbesserung: Die Gebiete mit wiederkehrend brauner Färbung zuerst, dort Baumscheibe und Bodenverdichtung prüfen. Wer Bewässerung nach Karte statt nach Gefühl steuert, gibt das Geld dort aus, wo es wirkt. Für Standortverbesserungen an Bestandsbäumen gibt es übrigens Förderung.

Fortschreibung: Der Bericht lässt sich jeden Herbst mit dem abgeschlossenen Sommer fortschreiben. Ohne Befliegung, ohne Feldaufwand. Aus einer einmaligen Momentaufnahme wird eine Zeitreihe, und Zeitreihen sind es, die Maßnahmen bewerten: Hat die Bewässerung im Quartier X etwas gebracht? Die Antwort steht im nächsten Bericht.

Ehrlich zu den Grenzen

Für den einzelnen Baum trifft dieser Bericht keine Aussage. Wir haben die Satellitenwerte gegen 457 frische Vitalitätsurteile aus unserer eigenen Baumkontrolle geprüft: Der Zusammenhang ist statistisch gesichert, aber schwach. Das reicht für Gruppen, Stadtteile und Arten, nicht für die Frage, ob Baum Nummer 4711 krank ist. Wer das behauptet, verkauft Ihnen ein Pixel als Diagnose.

Der Bericht ersetzt deshalb keine Regelkontrolle nach FLL und trifft keine Aussage zur Verkehrssicherheit. Er beantwortet eine andere Frage, und die beantwortet er für einen ganzen Bestand auf einmal.

Kerndaten des Falls

  • Bestand: Mittelstadt in Niedersachsen, 20.036 ausgewertete Bäume aus dem städtischen Kataster (Jungbäume unter 4 m Krone ausgeschlossen)
  • Daten: Sentinel-2 L2A (ESA/Copernicus), 314 Aufnahmen 2022 bis August 2026, Wolken und Schatten je Pixel maskiert; Wetter aus ERA5-Reanalyse
  • Kenngröße: Abweichung des Sommer-Medians (Juni bis September) vom baumeigenen Mittel 2022 bis 2025, gemittelt je Gebiet und Art ab 40 Bäumen
  • Ergebnis Jahre: 2022 minus 0,030 (Stressjahr), 2023 plus 0,020, 2025 minus 0,002 trotz Trockenheit
  • Ergebnis Arten: stärkste Reaktion Apfel, Vogelkirsche, Feldahorn; stabilste Salweide, Winterlinde, Fichte
  • Validierung: gegen 457 Kontrollurteile 2026, Zusammenhang gesichert (p = 0,004), aber schwach: Gruppenaussage, kein Einzelbaumurteil
  • Aufwand: Rechenzeit rund zwölf Minuten für den Gesamtbestand, keine Befliegung, kein Feldeinsatz

Zum Verfahren: Trockenstressbericht für Ihren Bestand · Baumbestandsanalyse & Fernerkundung · Baumkataster Arbovia · alle Fallstudien

Quellen und weiterführende Links

  • ESA/Copernicus: Sentinel-2-Mission. Contains modified Copernicus Sentinel data 2022 bis 2026.
  • Wetterdaten: ERA5-Reanalyse (ECMWF) über Open-Meteo, Referenzverdunstung nach FAO.
  • Auswertung, Grafiken und Bewertung stammen aus unserem eigenen Trockenstressbericht vom September 2026 für eine kommunale Auftraggeberin. Ort, Gebietsnamen und Auftraggeber sind hier bewusst weggelassen.

Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Praxis. Er ersetzt weder die Beurteilung des konkreten Bestands noch eine Baumkontrolle vor Ort.

Balkendiagramm: Bestandswert von gut 25.000 kommunalen Bäumen nach Methode Koch, 107,8 auf 118,6 Millionen Euro durch die 3. Auflage der Richtwerte

Fall 7: 120 Millionen Euro, die in keiner Bilanz stehen

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 26.08.2026

Ein kommunales Baumkataster, gut 25.000 erfasste Bäume. Nach den Richtwerttabellen der Methode Koch steht dieser Bestand für rund 119 Millionen Euro Sachwert. Ein Fuhrpark dieser Größenordnung hätte ein eigenes Controlling. Der Baumbestand hat eine Kontrollliste.

Ausgangslage

Eine Kommune, die ihren Baumbestand seit Jahren ordentlich kontrolliert. Im Kataster stehen Baumart, Stammumfang, Pflanzjahr und die Vitalität aus der letzten Regelkontrolle, also genau die Daten, die für die Verkehrssicherungspflicht ohnehin erhoben werden. Was in diesem Kataster nicht steht: was der Bestand wert ist.

Dabei ist die Bewertungsmethode seit Jahrzehnten etabliert. Die Methode Koch ist das Sachwertverfahren für Gehölze (§§ 93, 94 BGB), vom Bundesgerichtshof seit dem Kastanienbaumurteil von 1975 anerkannt, und seit April 2026 liegen die Richtwerte in der 3. Auflage vor: je Standortkategorie, Gehölzgruppe und Pflanzklasse der Wert des fertigen Gehölzes, dazu die Alterswertminderung und der Zustandsabschlag aus der Vitalität. Wir rechnen damit regelmäßig Schadensfälle am Einzelbaum. Die Frage lag also nahe: Was passiert, wenn man dieselbe Methodik einmal über das komplette Kataster laufen lässt?

Die Rechnung

Jeder Baum durchläuft denselben Rechengang wie im Einzelgutachten: Gehölzgruppe aus der Art (bei über 18.000 Bäumen artgenau nach der Gehölzliste der Auflage, der Rest über Gattung oder Mittelgruppe), Alter aus dem Pflanzjahr oder ersatzweise aus dem Stammumfang, Normalherstellungskosten aus der Richtwerttabelle, dann der Zustandsabschlag aus der dokumentierten Vitalität. Keine Schätzung ins Blaue, sondern die veröffentlichten Richtwerte der aktuellen Auflage, angewendet auf die eigenen Kontrolldaten.

Balkendiagramm: Bestandswert von gut 25.000 kommunalen Bäumen nach Methode Koch, 107,8 auf 118,6 Millionen Euro durch die 3. Auflage der Richtwerte
Beide Standortkategorien gerechnet: Selbst im vorsichtigeren Ansatz bleibt ein neunstelliger Sachwert.

Das Ergebnis: 118,6 Millionen Euro nach den Richtwerten für Verkehrsflächen mit Bodenaustausch (Standortkategorie 1). Rechnet man den kompletten Bestand vorsichtiger als vegetationstechnisch ungünstigen Standort, bleiben immer noch 99,8 Millionen. Die ehrliche Aussage lautet also: ein Sachwert in der Größenordnung von 100 bis 120 Millionen Euro, im Schnitt rund 4.600 Euro je Baum. Bei den älteren Alleebäumen steht die Einzelbewertung regelmäßig fünfstellig.

Der zweite Befund steckt im Vergleich der Auflagen: Allein die Fortschreibung der Richtwerte von der 2. auf die 3. Auflage (+10 Prozent) hebt den Bestand um 10,8 Millionen Euro, ohne dass ein einziger Baum gepflanzt wurde. Wer Ersatzgelder oder Schadensfälle noch nach alten Tabellen ansetzt, verkauft sein Vermögen systematisch unter Wert.

Wozu die Zahl gut ist

Eine Bestandssumme ist kein Gutachten, und sie soll auch keins sein. Ihr Wert liegt woanders: Sie macht den Baumbestand dort sichtbar, wo über Geld entschieden wird.

Im Haushalt: In der kommunalen Vermögensrechnung taucht der Baumbestand praktisch nie mit seinem Sachwert auf. Ein Anlagegut dieser Größenordnung würde anders behandelt: mit Zustandsbericht, Werterhaltungsstrategie und einem Budget, das sich am Wert orientiert. Wenn die Summe im Ratssaal an der Wand steht, wird über Wurzelraum, Baumscheiben und Bewässerung anders diskutiert als über einen „Pflegeposten“.

Wie eine solche Behandlung aussieht, macht die Immobilienwirtschaft seit Jahrzehnten vor: Dort wird für Erhaltung und Instandhaltung ein fester Anteil des Anlagewertes eingeplant. Die verbreitete Peterssche Formel setzt das 1,5-Fache der Herstellungskosten über 80 Jahre an, also knapp 2 Prozent pro Jahr; konservativere Faustregeln liegen bei rund 1 Prozent. Auf diesen Baumbestand übertragen wären das 1 bis gut 2 Millionen Euro jährlich für Erhalt und Pflege, als kalkulierte Werterhaltung eines Anlageguts, nicht als freiwillige Verschönerung. Ob das reale Grünbudget in dieser Größenordnung liegt, kann jede Kämmerei selbst nachschlagen.

Auf der Baustelle: Die Pflanzung eines Baumes hat eine Rechnung, seine Beschädigung meist nicht. Steht der Wert des Bestandsbaums als Position im Bauvertrag, ändert sich das Verhalten am Graben. Ein Schild am Stamm schützt wenig, eine fünfstellige Vertragsposition schon eher. Dazu gehören Beweissicherung vor dem ersten Bagger und eine baumschutzfachliche Baubegleitung, denn Wurzeln werden nicht in der Planung durchtrennt, sondern im Graben.

Im Schadensfall: Weil jeder Baum im Kataster bereits durchgerechnet ist, lässt sich beim Anfahrschaden oder Baustellenschäden sofort eine belastbare Gehölzwertermittlung nach Methode Koch aufsetzen. Die Methode Koch ist in der Rechtsprechung anerkannt, und solche Fälle rechnen wir regelmäßig.

Beim Ersatzgeld: Kommunen mit Baumschutzsatzung und Ersatzgeldregelung, die noch auf älteren Wertgrundlagen rechnen, lassen mit jeder Genehmigung Geld liegen. Die 3. Auflage ist seit April 2026 der aktuelle Stand dieser Richtwerte.

Methodische Ehrlichkeit

Eine Bestandsrechnung arbeitet mit Pauschalannahmen: eine einheitliche Standortkategorie und Pflanzklasse für den gesamten Bestand, der Zustandsabschlag nur aus der dokumentierten Vitalitätsstufe. Deshalb geben wir eine Bandbreite an statt einer Scheingenauigkeit, und deshalb ersetzt die Summe kein Einzelbaumgutachten. Sie ist auch kein Marktpreis, denn Bäume werden nicht verkauft: Der Sachwert beziffert, was die Wiederbeschaffung dieser gewachsenen Substanz kosten würde, und genau das ist die Größe, um die es bei Schaden, Schutz und Haushalt geht.

Und noch etwas gehört zur Ehrlichkeit: Die Rechnung war der schnelle Teil. Sie funktioniert nur, weil das Kataster gepflegt ist. Wer seine Kontrolldaten sauber führt, bekommt die Vermögenssicht fast geschenkt. Wer sie nicht führt, hat kein Bewertungsproblem, sondern ein Katasterproblem.

Kerndaten des Falls

  • Bestand: gut 25.000 erfasste Baumstandorte einer Kommune, Datengrundlage: eigenes Baumkataster (Art, Stammumfang, Pflanzjahr, Vitalität aus der Regelkontrolle)
  • Methode: Sachwertverfahren nach Methode Koch, Richtwerte der 3. Auflage 2026/27 (Schall/Wilhelm, SVK-Verlag); Gehölzgruppe artgenau für über 18.000 Bäume, Zustandsabschlag aus der Vitalität
  • Ergebnis: 118,6 Mio. € (Standortkategorie 1) bzw. 99,8 Mio. € (Kategorie 2); im Schnitt rund 4.600 € je Baum
  • Auflagen-Delta: +10,8 Mio. € allein durch die Fortschreibung der Richtwerte 2. auf 3. Auflage (+10 %)
  • Einordnung: Vermögensansatz und Argumentationsgrundlage, kein Einzelbaumgutachten; Einzelbewertung im Schadensfall jederzeit ableitbar
  • Jahr: 2026

Zum Verfahren: Gehölzwertermittlung nach Methode Koch · Baumkataster-Software Arbovia · alle Fallstudien

Quellen und weiterführende Links

  • Schall/Wilhelm: Aktuelle Richtwerte für Straßen- und Parkbäume im Eigentum der öffentlichen Hand, 3. Auflage 2026/27, SVK-Verlag.
  • FLL: Richtlinie für die Wertermittlung von Schutz- und Gestaltungsgrün (Gehölzwertermittlungsrichtlinien).
  • BGH, Urteil vom 13.05.1975, VI ZR 85/74 („Kastanienbaumurteil“): Grundlage der Sachwertmethode für Gehölze.
  • Peterssche Formel (Instandhaltungsrücklage der Wohnungswirtschaft): 1,5-fache Herstellungskosten über 80 Jahre, entspricht knapp 2 % des Anlagewertes jährlich; konservativere Faustregeln rund 1 %.
  • Rechenwerte aus dem Baumkataster der Kommune; Auftraggeber und Ort sind hier bewusst weggelassen. Die Bestandssumme ist eine Vermögensüberschlagsrechnung, kein Gutachten.

Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Praxis. Er ersetzt weder die Bewertung des konkreten Bestands noch eine Rechtsberatung im Einzelfall.

Balkendiagramm: Windlastmoment vor und nach der Kronenüberarbeitung gegenüber dem ertragbaren Moment der Verankerung, Sicherheitsfaktor 0,70 auf 1,90

Fall 6: Standsicherheit nicht gegeben. Zwölf Tage später stand der Beweis für das Gegenteil

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 26.08.2026

Sicherheitsfaktor 0,70: Die Standsicherheit dieser Rosskastanie war rechnerisch nicht gegeben, auf einem stark frequentierten Stadtplatz mit Sitzbänken direkt unter der Krone. Zwölf Tage später steht derselbe Baum mit nachgewiesenem Sicherheitsfaktor 1,90. Gefällt wurde nicht. Gerechnet wurde.

Ausgangslage

Eine Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) in der Reifephase, 16,1 Meter hoch, als Solitär auf einer innerstädtischen Platzfläche in Ostwestfalen. Der Platz wird als Aufenthalts- und Veranstaltungsfläche intensiv genutzt, die Sicherheitserwartung ist entsprechend hoch. Und der Baum sieht gut aus: Vitalitätsstufe 1, dichte, gleichmäßig aufgebaute Krone. Wer nur nach oben schaut, sieht keinen Problembaum.

Zwei Dinge passen nicht ins Bild. Erstens: An zwei Stämmlingen finden sich überwallte Längsrisse, Spuren einer zurückliegenden mechanischen Überlastung. Zweitens, und entscheidend: Der Wurzelraum ist ringsum befestigt und verdichtet, ein offener Bodenanschluss besteht nur unmittelbar am Stammfuß. Ein Baum kann aber nur so gut verankert sein, wie sein Boden ihn wurzeln lässt.

Die Frage der Baumkontrolle lautete deshalb nicht „Ist die Krone in Ordnung?“, sondern: Hält die Verankerung der Windlast stand, die diese große Krone einsammelt? Das beantwortet kein Augenschein. Das beantwortet ein Zugversuch.

Die Erstmessung: eine Zahl unter eins

Statischer Zugversuch nach der Elasto-Inclino-Methode: Zugseil in 5,80 Meter Höhe am Stamm verankert, Ankerpunkt in 14 Meter Entfernung, stufenweise Lasteinleitung bis rund 7,7 Kilonewton, dabei Messung der Stammfußneigung über zwei Neigungssensoren. Das Kippverhalten wird über die verallgemeinerte Kippkurve nach Wessolly ausgewertet. Die anzusetzende Windlast liefert ein fotogestütztes Kronenmodell nach DIN EN 1991-1-4: Kronenfläche 117,68 Quadratmeter bei 16,10 Meter Höhe.

Das Ergebnis: Die Verankerung trägt am ungünstigeren Sensor ein Moment von 334.598 Newtonmetern. Der Bemessungssturm drückt mit 481.166 Newtonmetern auf diese Krone. Das ist ein Sicherheitsfaktor von 0,70, und damit nicht nur unter dem Richtwert von 1,5 für einen maßnahmenfreien Erhalt, sondern unter 1,0: Im Bemessungslastfall wäre rechnerisch mit dem Versagen der Verankerung zu rechnen. Die Standsicherheit war nicht gegeben.

Bis zur Maßnahme wurde empfohlen, den Kronenbereich bei angekündigten Starkwindereignissen zu sperren.

Die Rechnung statt des Reflexes

An diesem Punkt kippen viele Verfahren in den Reflex: Standsicherheit nicht gegeben, hohe Sicherheitserwartung, also fällen. Der Zugversuch liefert aber mehr als ein Urteil, er liefert eine Stellgröße. Denn die Verankerung des Baumes ist eine feste, gemessene Größe. Veränderbar ist die andere Seite der Gleichung: die Windlast, die die Krone einsammelt.

Die Rechnung sagt exakt, wie viel weichen muss: Das Windlastmoment musste von 481.166 auf höchstens rund 223.000 Newtonmeter sinken, damit der Sicherheitsfaktor 1,5 erreicht wird. Das ist eine Reduzierung um 54 Prozent, umsetzbar durch eine allseitige Kronenüberarbeitung mit einer linearen Einkürzung der Kronenabmessungen um rund 20 bis 25 Prozent, fachgerecht nach ZTV-Baumpflege. Nicht mehr und nicht weniger.

Vor dem Schnitt gehört der Artenschutz auf den Tisch: Die überwallten Risse wurden unmittelbar vor der Maßnahme auf Spaltenquartiere und aktuellen Besatz kontrolliert (§§ 44 und 39 BNatSchG). Was dabei zu prüfen ist, haben wir in unserem Artenschutz-Lexikon zusammengestellt.

Die Kontrollmessung: der Beweis

Die Kronenüberarbeitung wurde umgesetzt, und dann kommt der Schritt, der in der Praxis viel zu oft ausfällt: die Wiederholung des Zugversuchs mit unverändertem Messaufbau. Eine Maßnahme, deren Wirkung niemand nachmisst, ist eine Hoffnung, kein Nachweis.

Fotogestütztes Kronenmodell der Rosskastanie vor der Kronenüberarbeitung: Kronenfläche 117,68 m², Höhe 16,10 m
Vorher: Kronenmodell mit 117,68 m² Segelfläche bei 16,10 m Höhe (12.08.2026).
Fotogestütztes Kronenmodell derselben Rosskastanie nach der Kronenüberarbeitung: Kronenfläche 70,17 m², Höhe 14,80 m
Nachher: 70,17 m² bei 14,80 m (24.08.2026). Die Windlast sank um 63 Prozent.

Das neue Kronenmodell ergab 70,17 Quadratmeter bei 14,80 Meter Höhe. Das Windlastmoment sank damit auf 175.656 Newtonmeter, eine Reduzierung um 63 Prozent, die geforderten 54 Prozent wurden deutlich übertroffen. Die Wiederholungsmessung ergab Sicherheitsfaktoren von 2,35 und maßgeblich 1,90: erstmals oberhalb des Richtwertes von 1,5. Die Standsicherheit ist rechnerisch nachgewiesen, die Verkehrssicherheit wiederhergestellt.

Balkendiagramm: Windlastmoment 481.166 Nm vor und 175.656 Nm nach der Kronenüberarbeitung gegenüber dem ertragbaren Moment der Verankerung von 334.598 Nm, Sicherheitsfaktor von 0,70 auf 1,90
Die ganze Fallstudie in einem Bild: Die Verankerung blieb gleich, die Windlast wurde berechnet reduziert. Aus SF 0,70 wird SF 1,90.

Zwischen Erstmessung und bestätigtem Nachweis lagen zwölf Tage.

Der eigentliche Befund liegt im Boden

Warum kippelt ein vitaler Baum überhaupt? Ergänzend zur Kontrollmessung wurde die Bodenverdichtung im Kronentraufbereich an acht Messpunkten mit einem Penetrometer untersucht. Ergebnis: durchgängig Eindringwiderstände über 300 psi, rund 2,1 Megapascal. Ab dieser Größenordnung kommt Wurzelwachstum weitgehend zum Erliegen. Die Kastanie steht in einem Boden, in dem sie ihre Verankerung kaum noch verbessern kann.

Deshalb gehört zur Maßnahme am Baum die Maßnahme am Standort: Vergrößerung der offenen Baumscheibe, Lockerung der verdichteten Bereiche, Wässerung in Trockenphasen. Die Kronenreduktion hat Zeit gekauft. Der Wurzelraum entscheidet, was aus dieser Zeit wird.

Der Kern des Falls

Ohne Messung hätte dieser Baum nur zwei mögliche Schicksale gehabt: stehen bleiben mit einem unerkannten Sicherheitsfaktor von 0,70, oder vorsorglich fallen, weil niemand das Risiko tragen wollte. Beides wäre falsch gewesen. Die Messung ersetzt beide Fehlentscheidungen durch eine dosierte Maßnahme mit anschließendem Nachweis: So viel Krone wie möglich, so viel Rückschnitt wie nötig, und am Ende eine Zahl, die es belegt.

Zur Ehrlichkeit gehört auch: SF 1,90 ist eine Reserve auf Zeit. Mit dem Wiederaustrieb wächst die Segelfläche, das Windlastmoment steigt wieder. Der Baum bleibt deshalb im 12-Monats-Kontrollintervall, eine erneute Kontrollmessung ist innerhalb von 24 Monaten beziehungsweise nach deutlichem Kronenzuwachs vorgesehen. Ein Erhalt unter diesen Standortbedingungen ist keine Entscheidung für immer, sondern eine auf Wiedervorlage.

Kerndaten des Falls

  • Baumart: Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), Reifephase, Vitalität 1
  • Standort: innerstädtische Platzfläche, Wurzelraum ringsum befestigt und verdichtet, hohe Sicherheitserwartung
  • Verfahren: statischer Zugversuch (Elasto-Inclino-Methode, Fakopp, zwei Neigungssensoren), Windlast am fotogestützten Kronenmodell nach DIN EN 1991-1-4, ergänzend Penetrometer-Messung an acht Punkten
  • Erstmessung 12.08.2026: ertragbares Moment 334.598 Nm, Windlastmoment 481.166 Nm, Sicherheitsfaktor 0,70: Standsicherheit nicht gegeben
  • Maßnahme: allseitige Kronenüberarbeitung nach ZTV-Baumpflege, berechnet auf mindestens 54 % Windlastreduktion; Artenschutz-Kontrolle der Risse vor dem Schnitt
  • Kontrollmessung 24.08.2026: Windlastmoment 175.656 Nm (minus 63 %), Sicherheitsfaktor 1,90: Verkehrssicherheit wiederhergestellt
  • Boden: Eindringwiderstand an allen acht Messpunkten über 300 psi (rund 2,1 MPa), Empfehlung Entsiegelung und Wurzelraumverbesserung
  • Kontrollregime: Intervall 12 Monate, erneute Kontrollmessung innerhalb von 24 Monaten

Zum Verfahren: Zugversuch in der Baumdiagnostik · Eingehende Untersuchung nach FLL · alle Fallstudien

Quellen und weiterführende Links

  • FLL: Baumkontrollrichtlinien, 3. Ausgabe 2020 (Maßstab für die Regelkontrolle)
  • FLL: Baumuntersuchungsrichtlinien 2013 (Maßstab für die eingehende Untersuchung)
  • DIN EN 1991-1-4 (Eurocode 1): Einwirkungen auf Tragwerke, Windlasten; Grundlage der Windlastermittlung am Kronenmodell.
  • Wessolly, L. / Erb, M.: Handbuch der Baumstatik und Baumkontrolle. Grundlage der verallgemeinerten Kippkurve in der Zugversuchsauswertung.
  • Messwerte, Fotos und Bewertung stammen aus unserem eigenen Gutachten mit Nachtrag vom August 2026. Das Gutachten selbst ist nicht öffentlich; Auftraggeber, Ort und Objekt sind hier bewusst weggelassen.

Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Gutachtenpraxis. Er ersetzt weder die Beurteilung des konkreten Baums vor Ort noch eine Rechtsberatung im Einzelfall.

Bohrwiderstands- und Vorschubkurve einer Esche: fester Holzmantel bis rund 19 cm, dann Abfall auf die Leerlauflinie durch Kernfäule

Fall 5: Warum wir so selten bohren – eine Esche, vier gezielte Messungen

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 24.08.2026

Restwandstärke rund 20 Prozent, also unter der bekannten 30-Prozent-Faustregel. Und der Baum steht trotzdem zu Recht: Der Fall zeigt, wann eine Bohrwiderstandsmessung wirklich nötig ist und warum ein Grenzwert die statische Bewertung nicht ersetzt.

Vorab: Warum wir so selten bohren

Jede Bohrung ist eine Verletzung des Baums. Eine Bohrwiderstandsmessung ist deshalb bei uns nie Routine, sondern die letzte Frage in einer Kette: Erst kommt die Kontrolle nach den FLL-Baumkontrollrichtlinien, dann die intensive Inaugenscheinnahme mit Schonhammer und Sondierstab. Gebohrt wird nur, wenn eine konkrete Frage übrig bleibt, die sich anders nicht beantworten lässt, und dann so wenig wie möglich, an gezielt gewählten Punkten.

Dieser Fall aus dem November 2024 zeigt, wie das aussieht, wenn es nötig ist.

Ausgangslage

Eine Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) in der Alterungsphase, 14,5 Meter hoch, Stammumfang 339 Zentimeter, in einer Baumgruppe an einem Gewerbestandort in Ostwestfalen. Der Baum steht in Hanglage über einer Straße, die Sicherheitserwartung an diesem Standort ist hoch. Die Krone war in der Vergangenheit stark eingekürzt worden; der Baum reagierte darauf mit Reiteraten, also neuen, innen ansetzenden Kronenteilen.

Bei der Kontrolle fanden sich am Stammfuß zahlreiche Fruchtkörper des Sparrigen Schüpplings (Pholiota squarrosa) und Reste von Hallimasch-Fruchtkörpern, beides holzzersetzende Pilze, die eine Weißfäule meist von den Wurzeln aus verursachen. Dazu ein Hohlklang am Stamm. Das ist die Konstellation, in der die Regelkontrolle an ihre Grenze kommt: Die Fruchtkörper belegen, dass zersetzt wird. Sie sagen nicht, wie viel tragfähige Wand noch da ist.

Die Frage

Ist der Stamm noch bruchsicher? Konkret: Wie dick ist der verbleibende gesunde Holzmantel um die Fäule, und wie ist er um den Stamm verteilt? Genau diese Frage beantwortet keine Inaugenscheinnahme, kein Schonhammer und keine Erfahrung. Hier, und nur hier, greifen wir zum Bohrwiderstandsmessgerät.

Die Messung

Vier Bohrwiderstandsmessungen mit dem IML-Resi PD400, aus vier Richtungen auf mehreren Ebenen, dazu eine Schalltomographie (ArborSonic 3D, zehn Sensoren auf einer Ebene in einem Meter Höhe). Die Kombination ist bewusst gewählt: Die Bohrung liefert den exakten Verlauf entlang eines Bohrpfads, die Schalltomographie zeichnet zerstörungsarm das Bild der ganzen Querschnittsfläche. Beide Verfahren kontrollieren sich damit gegenseitig.

Vier Bohrwiderstandskurven an einer Esche: fester Holzmantel von 19 bis 31 cm je Richtung, dahinter Abfall durch Kernfäule
Die vier Messkurven vom 06.11.2024, jeweils mit Bohrwiderstand (rot) und Vorschubkraft (blau): erst fester Mantel, dann Fäule.

So liest man diese Kurven: Solange die Nadel in tragfähigem Holz läuft, zackt der Widerstand hoch, die Jahrringe sind als feines Muster erkennbar. In Messung 1 hält dieser feste Mantel bis etwa 19 Zentimeter, dann fällt die Kurve abrupt auf die Leerlauflinie: Die Nadel läuft durch zersetztes Holz, das ihr fast nichts mehr entgegensetzt. Messung 2 und 3 zeigen dasselbe Bild bei gut 20 bis 24 Zentimetern. Messung 4 ist der lehrreiche Sonderfall: Der Übergang kommt erst bei gut 30 Zentimetern, und der Widerstand fällt nicht auf null, sondern auf ein mittleres Niveau. Dort ist das Holz zersetzt, aber noch nicht aufgelöst, die Fäule ist in dieser Richtung noch in Arbeit. Die blaue Vorschubkurve läuft als zweiter, unabhängiger Messkanal mit: Sie zeigt die Kraft, mit der die Nadel ins Holz geschoben wird. Erst wenn beide Kurven dasselbe Bild zeichnen, wie hier, ist der Befund belastbar; laufen sie auseinander, ist das ein Warnsignal für die Interpretation.

Die Schalltomographie bestätigte das Bild: eine fortgeschrittene Kernfäule mit weitgehend symmetrischem Hohlraum, umschlossen von einem noch geschlossenen Mantel.

Die Zahl

Aus den Messungen ergab sich eine Restwandstärke von rund 20 Prozent. Die bekannte Faustregel aus der Baumdiagnostik sagt: Unter etwa 30 Prozent Restwand (t/R = 0,3) gilt ein vollkroniger Baum als kritisch. Diese Esche lag also klar unter der Schwelle, nach Faustregel wäre das ein Fällkandidat.

Die Entscheidung

Die Esche wurde als verkehrssicher eingestuft und blieb stehen, ohne eine einzige baumpflegerische Maßnahme. Warum? Weil die Faustregel für Bäume mit voller Krone gilt. Diese Esche hatte durch den früheren starken Rückschnitt nur noch einen Bruchteil ihrer Segelfläche, entsprechend geringer ist die Windlast, die der Stamm überhaupt aufnehmen muss. Dazu zeigte der Baum ausreichende Regenerationsfähigkeit. Dieselbe Restwand, die bei voller Krone zur Fällung geführt hätte, trägt diesen Baum sicher.

Das ist der Kern des Falls: Ein Grenzwert ist ein Anlass zum Rechnen, kein Urteil. Wer bei 20 Prozent Restwand automatisch fällt, fällt zu viel. Wer sie ignoriert, haftet. Die Antwort liegt in der Statik des Einzelbaums.

Abgesichert wurde die Entscheidung über das Kontrollregime: Kontrollintervall zwölf Monate und eine erneute technische Untersuchung im Kontrollzyklus 2026, denn eine Weißfäule arbeitet weiter. Genau diese Folgemessung steht in diesem Jahr an. Auch das gehört zur ehrlichen Antwort: Ein Erhalt bei 20 Prozent Restwand ist keine Entscheidung für immer, sondern eine auf Wiedervorlage.

Kerndaten des Falls

  • Baumart: Gemeine Esche (Fraxinus excelsior), Alterungsphase, Vitalität 2–3
  • Dimension: Höhe 14,5 m, Stammumfang 339 cm, Kronendurchmesser 12 m
  • Verfahren: Bohrwiderstandsmessung (IML-Resi PD400, vier Orientierungen) und Schalltomographie (ArborSonic 3D, eine Ebene, zehn Sensoren)
  • Zentrales Messergebnis: fortgeschrittene Kernfäule, Restwandstärke rund 20 %, weitgehend symmetrischer Hohlraum
  • Grenzwert: Faustregel t/R = 0,3 (rund 30 % Restwand bei voller Krone)
  • Entscheidung: verkehrssicher, Erhalt ohne Maßnahmen; Kontrollintervall 12 Monate, technische Folgeuntersuchung im Zyklus 2026
  • Jahr: 2024

Zum Verfahren: Bohrwiderstandsmessung in der Baumdiagnostik · Eingehende Untersuchung nach FLL · alle Fallstudien

Quellen und weiterführende Links

  • FLL: Baumkontrollrichtlinien, 3. Ausgabe 2020 (Maßstab für die Regelkontrolle)
  • FLL: Baumuntersuchungsrichtlinien 2013 (Maßstab für die eingehende Untersuchung)
  • Messwerte, Fotos und Bewertung stammen aus unserem eigenen Gutachten zur eingehenden Untersuchung vom November 2024. Das Gutachten selbst ist nicht öffentlich; Auftraggeber, Ort und Objekt sind hier bewusst weggelassen.
  • Die Faustregel t/R = 0,3 stammt aus der baumdiagnostischen Fachliteratur zur visuellen Baumkontrolle. Sie ist eine Orientierungsgröße für vollkronige Bäume, keine Norm und kein Grenzwert im rechtlichen Sinn.

Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Gutachtenpraxis. Er ersetzt weder die Beurteilung des konkreten Baums vor Ort noch eine Rechtsberatung im Einzelfall.

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Fall 4: Der Acht-Meter-Fehler – wenn das Kataster zu niedrig schätzt

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 16.08.2026

Ausgangslage: Nicht jeder Fall beginnt an einem Baum – dieser beginnt in einer Tabelle. Bei einem Pflegeeinsatz stellte sich eine per Augenmaß geschätzte Baumhöhe als rund acht Meter zu niedrig heraus. Die Folge: Die bestellte Hubarbeitsbühne reichte nicht, eine größere musste her, und der Nachtrag lag im fünfstelligen Bereich. Wir wollten wissen: Einzelfall oder Muster?

Die Messung: Wir haben 584 Katasterbäume mit geschätzten Höhen gegen das amtliche Laserscan-Höhenmodell geprüft – jede erfasste Position, jede Schätzhöhe gegen den gemessenen Wert.

Das Ergebnis: Die Schätzungen lagen im Mittel zu niedrig – und etwa jeder zehnte Baum war um acht Meter oder mehr unterschätzt. Auf Steigerklassen umgerechnet hätte ein erheblicher Teil der Einsätze mit dem falschen Gerät begonnen. Der Einzelfall war keiner: Er war Statistik.

Die Konsequenz: Aus der Auswertung wurde ein Werkzeug – unser Baumkataster Arbovia vergleicht erfasste Höhen automatisch mit dem Laserscan und meldet im Klartext, wenn ein Baum eine größere Arbeitshöhe braucht, als das Kataster vermuten lässt. Bevor das Gerät bestellt ist, nicht danach. Mehr dazu: Baumbestandsanalyse.