Schaubild: wie stark die Trefferquote bei der Pilzbestimmung einbricht, wenn der Fruchtkoerper nicht mehr optimal ausgepraegt ist

KI bei der Pilzbestimmung: Warum die Trefferquote genau dort einbricht, wo die Baumkontrolle stattfindet

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 01.09.2026

Im Jahrbuch der Baumpflege 2026 steht eine Untersuchung, auf die wir gewartet haben. Niclas Geßner, Dirk Dujesiefken und Rolf Kehr haben zehn Apps und fünf KI-Systeme daraufhin geprüft, wie zuverlässig sie die Pilzfruchtkörper bestimmen, um die es bei der Baumkontrolle geht. Sechs erfahrene Gutachter bekamen als Kontrollgruppe dieselben Fotos. Das Ergebnis ist nicht das, was man erwartet, wenn man die Prozentanzeigen dieser Programme ernst nimmt.

Was geprüft wurde

Zehn Fruchtkörper von acht Arten, darunter Zunderschwamm, Rotrandiger Baumschwamm, Schwefelporling, Eichenfeuerschwamm und Brandkrustenpilz. Je Fruchtkörper drei standardisierte Fotos: schräg von oben, die Unterseite, und eine Ansicht des aufgeschnittenen Fruchtkörpers. Maßstäbe waren nicht dabei, Angaben zu Substrat, Standort oder Dimension ebenfalls nicht, damit alle Verfahren dieselbe Ausgangslage hatten. Stand der geprüften Programme: November 2025.

Zwei Fruchtkörper waren mit Absicht keine Lehrbuchexemplare: ein Rotrandiger Baumschwamm ohne den roten Rand, der ihm den Namen gibt, und ein absterbender, toter Schwefelporling. An diesen beiden entscheidet sich der Beitrag.

Die Zahlen

Balkendiagramm der Trefferquoten bei der Bestimmung des Schwefelporlings: erfahrene Gutachter 100 und 83 Prozent, Apps 79 und 42 Prozent, KI-Systeme 100 und 40 Prozent, jeweils für den optimalen und den absterbenden Fruchtkörper

Über alle zehn Fruchtkörper kamen die sechs Gutachter im Mittel auf 93 Prozent richtige Bestimmungen, die Apps auf 55 Prozent, die KI-Systeme auf 49 Prozent. Die Spannweiten sind erheblich, von 20 bis 70 Prozent bei den KI-Systemen und von 25 bis 95 Prozent bei den Apps. Die Autoren schreiben selbst dazu, dass die Stichprobe klein und die Streuung groß ist und die Mittelwerte deshalb nur orientierend zu lesen sind. Das gehört dazu, wenn man die Zahlen zitiert.

Interessanter als die Mittelwerte ist der Schwefelporling, weil er zweimal im Test steckte. Im optimalen Zustand bestimmten ihn die KI-Systeme zu 100 Prozent richtig und die Apps zu 79 Prozent. Derselbe Pilz, absterbend und tot: KI-Systeme 40 Prozent, Apps 42 Prozent. Die Gutachter fielen von 100 auf 83 Prozent. Bei ihnen kostet der Zustandswechsel also 17 Punkte, bei den digitalen Verfahren 37 bis 60.

Warum das nicht gegen die Technik spricht, sondern gegen ihren Einsatzort

Ein Bilderkennungssystem lernt aus Bildern, und Bilder von Pilzen zeigen fast immer schöne Pilze. Frisch, typisch gefärbt, gut ausgeprägt. Ein damit trainiertes System muss beim Lehrbuchexemplar gut sein, und es ist gut, siehe die 100 Prozent oben. Nur ist das nicht die Lage, in der wir stehen.

Wir sehen den Fruchtkörper im November am Stammfuß, verwittert, angefressen, halb vermoost, oft am falschen Ende seines Lebens. Der nicht optimale Zustand ist in der Baumkontrolle nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Das heißt: Die Trefferquote bricht ausgerechnet dort ein, wo man das Werkzeug bräuchte. Ein Hilfsmittel, das genau in den einfachen Fällen sicher ist, löst kein Problem, denn die einfachen Fälle kann der geschulte Kontrolleur ohnehin.

Was die Systeme gar nicht sehen

Die Untersuchung nennt drei Lücken, die uns aus der Praxis sofort einleuchten. Erstens werten die meisten geprüften Systeme keinen Kontext aus: nicht Substrat, Standort, Zustand des Wirtsbaums, Fäuletyp oder Jahreszeit. Für uns ist genau das die halbe Bestimmung. Ein Fruchtkörper an der Buche am Stammfuß im Oktober ist eine andere Ausgangslage als derselbe Fund an der Birke im Kronenbereich.

Zweitens fehlt der Maßstab. Die Programme fragen keine Größenangabe ab, und ohne Referenz ist eine Konsole von acht Zentimetern von einer mit vierzig nicht zu unterscheiden.

Drittens, und das ist der Punkt mit der größten Sprengkraft für die Verkehrssicherheit: Holzzersetzende Schlauchpilze werden von diesen Systemen meist gar nicht erst als Pilz erkannt. Der Brandkrustenpilz wird in der Untersuchung ausdrücklich als solcher Fall genannt. Das ist der Pilz, der eine Moderfäule verursacht, der das Holz spröde macht und den Baum ohne die Vorwarnzeichen brechen lässt, die zähes weißfaules Holz oft noch gibt. Wenn ein Werkzeug ausgerechnet bei diesem Pilz nichts meldet, ist das Schweigen die gefährlichste aller Antworten, weil es sich wie Entwarnung anfühlt.

Die Prozentzahl auf dem Bildschirm

Diese Programme geben ihr Ergebnis gern mit einer Sicherheit an, „95 Prozent“ oder ähnlich. Die Autoren halten solche Werte für methodisch nicht belastbar, weil weder Trainingsdaten noch Algorithmen offengelegt oder geprüft sind. Die Zahl sagt, wie sicher sich das Modell ist, nicht wie oft es recht hat. Wer das verwechselt, dokumentiert eine Scheinsicherheit im Kataster.

In eigener Sache

Auf dieser Website steht selbst ein solches Werkzeug, unser Assistent Elias. Er war in der Untersuchung nicht dabei, es gibt für ihn also keine vergleichbare Trefferquote, und wir behaupten hier keine. Ein Beitrag über die Grenzen fremder Werkzeuge wäre unehrlich, wenn er die eigenen ausspart.

Zwei Unterschiede zum getesteten Feld sind uns aber wichtig, weil sie an den Lücken oben ansetzen. Der erste ist der Zuschnitt. Die Untersuchung merkt selbst an, dass viele der geprüften Apps ursprünglich für Speisepilze gebaut wurden, also für eine ganz andere Frage als die nach der Verkehrssicherheit. Unser Assistent ist auf die holzzersetzenden Arten am Baum zugeschnitten und darauf, was ein Befund für Stand- und Bruchsicherheit bedeutet.

Der zweite Unterschied ist, dass er nicht einmal antwortet und dann fertig ist. Reichen die Merkmale nicht, sagt er, was fehlt, und fordert es an: die Unterseite mit den Poren, die Ansatzstelle am Stammfuß, den Gesamtbaum mit Standort. Wo eine Reaktion am Objekt weiterhilft, fragt er danach, etwa nach der Verfärbung an einer angeritzten Stelle. Damit holt er sich einen Teil dessen, was den getesteten Systemen fehlt. Er nennt außerdem Gattung und Konsequenz statt einer Art, die aus einem Foto nicht zu halten wäre, und er entwarnt nicht.

Ob das die Trefferquote hebt, ist damit trotzdem nicht gesagt. Geprüft ist es nicht, und der Einwand dieses Beitrags gilt für unser Werkzeug genauso: Ein Bild bleibt ein Bild. Ein Vorschlag ist deshalb ein Vorschlag und keine Diagnose, und er ersetzt in keinem Fall den Blick des Kontrolleurs am Baum.

Was das für die Praxis heißt

Der Nutzen dieser Programme liegt nicht in der Bestimmung, sondern im Verdacht. Als Beleg im Kontrollformular taugen sie nicht. Wer eine Art dokumentiert, sollte dazuschreiben, woran er sie festgemacht hat, und nicht, welches Programm sie ihm genannt hat.

Bleibt die Art unklar und steht ein Verkehrssicherheitsurteil an, führt der Weg nicht über ein zweites Programm, sondern über die Merkmale am Objekt und im Zweifel über die eingehende Untersuchung. Denn für die Beurteilung zählt am Ende ohnehin nicht der Artname allein, sondern was der Pilz im Holz angerichtet hat. Das Fazit der Autoren trifft es genau: „KI-basierte Anwendungen und Apps sind eine wertvolle Ergänzung für die Baumkontrolle, ersetzen jedoch nicht die notwendige fachliche Qualifikation für die Pilzbestimmung.“

Eine Einschränkung zum Schluss, die im Aufsatz steht: Die Daten geben den Stand von November 2025 wieder, und die Autoren rechnen mit besseren Folgeversionen. Der Grund für den Einbruch ändert sich dadurch nicht. Solange ein Verfahren nur ein Bild sieht und weder Substrat noch Maßstab noch Baumzustand kennt, bleibt der schlecht ausgeprägte Fruchtkörper sein schwerster Fall. Und der bleibt unser Alltag.

Die Zahlen dieses Beitrags stammen vollständig aus der unten genannten Veröffentlichung. Eigene Auswertungen oder Vergleichsmessungen sind nicht eingeflossen.

Quellen und weiterführende Links

Bannerfassung der Verfahrensmatrix: welche Untersuchungsfrage welches Messverfahren beantwortet.

Schalltomographie oder Bohrwiderstandsmessung? Die Frage steht vor dem Gerät

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 28.08.2026

„Können Sie den Baum mal durchleuchten?” So kommt die Frage bei uns fast immer an. Sie ist gut gemeint, und sie ist trotzdem falsch gestellt, weil sie beim Gerät anfängt statt beim Befund. Wer vorher nicht weiß, was er wissen will, bekommt am Ende ein hübsches Bild und trotzdem keine Entscheidung.

Die FLL-Baumuntersuchungsrichtlinien formulieren es nüchterner: Für Baumuntersuchungen gibt es kein Patentrezept, die Auswahl des Verfahrens hängt vom Einzelfall ab. Das klingt nach Ausrede und ist in Wahrheit der Kern der Sache. Deshalb hier der Versuch, die beiden im Stadtbaumbereich häufigsten Verfahren nicht gegeneinander auszuspielen, sondern jedem die Frage zuzuordnen, die es beantworten kann.

Matrix: Welche Frage beantwortet welches Verfahren. Schalltomographie, Bohrwiderstandsmessung und Zugversuch im Vergleich über vier typische Untersuchungsfragen.
Keine Spalte ist durchgehend gefüllt. Genau das ist der Punkt: Es gibt kein Verfahren, das alle Fragen beantwortet.

Was die Schalltomographie beantwortet

Bei der Schalltomographie werden Sensoren ringförmig um den Stamm gesetzt. Ein Hammerschlag erzeugt einen Impuls, jeder Sensor misst die Laufzeit, und aus dem Netz dieser Laufzeiten rechnet das Gerät ein farbiges Schnittbild einer Messebene. Der Grundgedanke ist simpel: In dichtem, gesundem Holz läuft Schall schneller als in abgebautem, und durch Luft läuft er gar nicht.

Die Stärke liegt in der Fläche. Das Verfahren beantwortet, wo im Querschnitt etwas nicht stimmt und wie weit es reicht, und es tut das ohne jede Verletzung des Baumes. Bei einem geschützten Altbaum oder einem Naturdenkmal ist das oft der einzige vertretbare erste Schritt.

Die Grenze liegt genau da, wo das bunte Bild am meisten Vertrauen weckt. Ein Tomogramm zeigt die Verteilung des Materials im Querschnitt, nicht dessen Festigkeit. Und es sagt nicht, was der Defekt eigentlich ist. Höhlungen, Sternrisse und Ringschäle können im Tomogramm sehr ähnlich abgebildet werden (Rust 2008). Baumstatisch ist das häufig verschmerzbar, weil die Auswirkungen vergleichbar sind. Unangenehm wird es, wenn nach einer Fällung im Stubben etwas anderes liegt als im Gutachten angekündigt war.

Was die Bohrwiderstandsmessung beantwortet

Bei der Bohrwiderstandsmessung wird eine dünne Nadel mit konstantem Vorschub ins Holz getrieben, während das Gerät den Widerstand über die Bohrtiefe aufzeichnet. Der Messwert korreliert stark mit der Holzdichte. Das Ergebnis ist eine Kurve, kein Bild, und diese Kurve beantwortet eine sehr enge und sehr harte Frage: Wie viel tragfähiges Holz steht an genau dieser Stelle noch, und wie dick ist die verbleibende Restwand.

Der Preis dafür ist eine Verletzung des Baumes. Wir setzen das Verfahren deshalb spät an und gezielt, nie flächendeckend und nie, solange die Frage anders zu beantworten ist. Weniger Bohrungen sind in aller Regel das bessere Gutachten.

Auch hier gehört die Grenze zur Methode. Die Kurve gilt für eine Linie, nicht für den Querschnitt. Die Nadel kann an Hindernissen abgelenkt werden, und wenn sie einen Hohlraum durchquert, ist der Wiedereintritt ins feste Holz nicht mehr sicher nachzuvollziehen. Rückgänge des Bohrwiderstandes von weniger als rund 25 Prozent sind schwer zu deuten, obwohl schon sie mit erheblichen Festigkeitsverlusten einhergehen können. In einer systematischen Untersuchung ließen sich zudem nur bei etwa 70 Prozent der per Bohrwiderstandsmessung als faul eingestuften Bäume tatsächlich Fäuleerreger nachweisen (Schumacher und Roloff 2000, zitiert nach Rust 2008). Die Kurve ist also kein Automat. Sie braucht jemanden, der den Holzaufbau der jeweiligen Baumart kennt und ein juveniles Holzbild von einem Defekt unterscheiden kann.

Der Fall, in dem beide zusammengehören

Es gibt eine Konstellation, in der die Frage nach dem „oder” schlicht die falsche ist. Ein Riss erzeugt im Schallbild denselben dunklen Schatten wie eine Fäule, weil der Schall in beiden Fällen einen Umweg nehmen muss. Wer nur das Tomogramm hat, sieht ein Problem, kann aber nicht sagen, welches. Eine amerikanische Untersuchung an Roteichen hat genau das durchgespielt: Sichtkontrolle und einfache Schallmessung erkannten zuverlässig, dass etwas nicht stimmt, der Tomograph zeigte Lage und Ausmaß des Defekts, und erst die ergänzende Bohrwiderstandsmessung trennte die Fäule vom rissbedingten Schallschatten (Wang und Allison 2008).

Umgekehrt gilt: Bei einer offenen Höhlung liefert die Schalltomographie ein unsicheres Bild, weil Schall den Luftspalt nicht durchquert. Dort führt an der Messung entlang einer Bohrlinie kaum ein Weg vorbei. Die sinnvolle Reihenfolge ist deshalb fast immer dieselbe: erst flächig und zerstörungsfrei suchen, dann punktgenau und minimalinvasiv nachfassen, wo das Bild eine Frage offen lässt.

Was keines der beiden Verfahren beantwortet

Beide Verfahren untersuchen den Stamm. Beide sagen deshalb etwas über die Bruchsicherheit und praktisch nichts über die Standsicherheit. Ob der Wurzelteller hält, ob eine Wurzelfäule den Baum kippen lässt, ob ein angeschnittener Wurzelbereich nach einer Baumaßnahme noch trägt: Diese Fragen beantwortet weder ein Tomogramm noch eine Bohrkurve. Dafür braucht es Verfahren, die den Baum tatsächlich belasten und seine Reaktion messen, also den Zugversuch oder die Windreaktionsmessung.

Das ist in der Praxis der teuerste Denkfehler, den wir sehen. Ein Baum wird am Stamm gemessen, das Ergebnis ist unauffällig, und daraus wird die Verkehrssicherheit insgesamt abgeleitet. Die Frage nach dem Wurzelraum wurde dabei nie gestellt.

Was das für die Praxis heißt

Der ehrlichste Satz zu diesem Thema stammt aus der Fachliteratur und nicht aus einem Prospekt: Weder die Stand- noch die Bruchsicherheit lassen sich messen, sie werden aus den Messwerten lediglich abgeleitet, und diese Ableitung ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet (Rust 2008). Auch die verbreitete Faustregel zur Restwandstärke gehört in diesen Zusammenhang. Sie stammt aus der Betrachtung freistehender, vollbekronter Bäume mit zentraler Fäule und ist auf Bäume in Gruppen oder mit reduzierter Krone nicht ohne Weiteres übertragbar. Sie ist eine Orientierung, keine Norm und kein Rechtsbegriff.

Für die tägliche Arbeit folgt daraus nichts Dramatisches, sondern eine Reihenfolge. Zuerst steht der Befund aus der Regelkontrolle, daraus ergibt sich eine präzise Frage, und erst diese Frage bestimmt das Verfahren. Wer sich daran hält, kommt in den allermeisten Fällen mit erstaunlich wenig Technik aus. Über alle bisher von uns durchgeführten eingehenden Untersuchungen hinweg war in rund 84 Prozent der Fälle keine Fällung erforderlich (eigene Auswertung, Stand 28.07.2026). Das liegt nicht am besonders guten Gerät. Es liegt daran, dass eine sauber gestellte Frage den Baum häufiger rettet als ein zusätzliches Messverfahren.

Dieser Beitrag gibt den fachlichen Stand wieder und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Quellen und weiterführende Links