Bannerfassung der Verfahrensmatrix: welche Untersuchungsfrage welches Messverfahren beantwortet.

Schalltomographie oder Bohrwiderstandsmessung? Die Frage steht vor dem Gerät

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 28.08.2026

„Können Sie den Baum mal durchleuchten?” So kommt die Frage bei uns fast immer an. Sie ist gut gemeint, und sie ist trotzdem falsch gestellt, weil sie beim Gerät anfängt statt beim Befund. Wer vorher nicht weiß, was er wissen will, bekommt am Ende ein hübsches Bild und trotzdem keine Entscheidung.

Die FLL-Baumuntersuchungsrichtlinien formulieren es nüchterner: Für Baumuntersuchungen gibt es kein Patentrezept, die Auswahl des Verfahrens hängt vom Einzelfall ab. Das klingt nach Ausrede und ist in Wahrheit der Kern der Sache. Deshalb hier der Versuch, die beiden im Stadtbaumbereich häufigsten Verfahren nicht gegeneinander auszuspielen, sondern jedem die Frage zuzuordnen, die es beantworten kann.

Matrix: Welche Frage beantwortet welches Verfahren. Schalltomographie, Bohrwiderstandsmessung und Zugversuch im Vergleich über vier typische Untersuchungsfragen.
Keine Spalte ist durchgehend gefüllt. Genau das ist der Punkt: Es gibt kein Verfahren, das alle Fragen beantwortet.

Was die Schalltomographie beantwortet

Bei der Schalltomographie werden Sensoren ringförmig um den Stamm gesetzt. Ein Hammerschlag erzeugt einen Impuls, jeder Sensor misst die Laufzeit, und aus dem Netz dieser Laufzeiten rechnet das Gerät ein farbiges Schnittbild einer Messebene. Der Grundgedanke ist simpel: In dichtem, gesundem Holz läuft Schall schneller als in abgebautem, und durch Luft läuft er gar nicht.

Die Stärke liegt in der Fläche. Das Verfahren beantwortet, wo im Querschnitt etwas nicht stimmt und wie weit es reicht, und es tut das ohne jede Verletzung des Baumes. Bei einem geschützten Altbaum oder einem Naturdenkmal ist das oft der einzige vertretbare erste Schritt.

Die Grenze liegt genau da, wo das bunte Bild am meisten Vertrauen weckt. Ein Tomogramm zeigt die Verteilung des Materials im Querschnitt, nicht dessen Festigkeit. Und es sagt nicht, was der Defekt eigentlich ist. Höhlungen, Sternrisse und Ringschäle können im Tomogramm sehr ähnlich abgebildet werden (Rust 2008). Baumstatisch ist das häufig verschmerzbar, weil die Auswirkungen vergleichbar sind. Unangenehm wird es, wenn nach einer Fällung im Stubben etwas anderes liegt als im Gutachten angekündigt war.

Was die Bohrwiderstandsmessung beantwortet

Bei der Bohrwiderstandsmessung wird eine dünne Nadel mit konstantem Vorschub ins Holz getrieben, während das Gerät den Widerstand über die Bohrtiefe aufzeichnet. Der Messwert korreliert stark mit der Holzdichte. Das Ergebnis ist eine Kurve, kein Bild, und diese Kurve beantwortet eine sehr enge und sehr harte Frage: Wie viel tragfähiges Holz steht an genau dieser Stelle noch, und wie dick ist die verbleibende Restwand.

Der Preis dafür ist eine Verletzung des Baumes. Wir setzen das Verfahren deshalb spät an und gezielt, nie flächendeckend und nie, solange die Frage anders zu beantworten ist. Weniger Bohrungen sind in aller Regel das bessere Gutachten.

Auch hier gehört die Grenze zur Methode. Die Kurve gilt für eine Linie, nicht für den Querschnitt. Die Nadel kann an Hindernissen abgelenkt werden, und wenn sie einen Hohlraum durchquert, ist der Wiedereintritt ins feste Holz nicht mehr sicher nachzuvollziehen. Rückgänge des Bohrwiderstandes von weniger als rund 25 Prozent sind schwer zu deuten, obwohl schon sie mit erheblichen Festigkeitsverlusten einhergehen können. In einer systematischen Untersuchung ließen sich zudem nur bei etwa 70 Prozent der per Bohrwiderstandsmessung als faul eingestuften Bäume tatsächlich Fäuleerreger nachweisen (Schumacher und Roloff 2000, zitiert nach Rust 2008). Die Kurve ist also kein Automat. Sie braucht jemanden, der den Holzaufbau der jeweiligen Baumart kennt und ein juveniles Holzbild von einem Defekt unterscheiden kann.

Der Fall, in dem beide zusammengehören

Es gibt eine Konstellation, in der die Frage nach dem „oder” schlicht die falsche ist. Ein Riss erzeugt im Schallbild denselben dunklen Schatten wie eine Fäule, weil der Schall in beiden Fällen einen Umweg nehmen muss. Wer nur das Tomogramm hat, sieht ein Problem, kann aber nicht sagen, welches. Eine amerikanische Untersuchung an Roteichen hat genau das durchgespielt: Sichtkontrolle und einfache Schallmessung erkannten zuverlässig, dass etwas nicht stimmt, der Tomograph zeigte Lage und Ausmaß des Defekts, und erst die ergänzende Bohrwiderstandsmessung trennte die Fäule vom rissbedingten Schallschatten (Wang und Allison 2008).

Umgekehrt gilt: Bei einer offenen Höhlung liefert die Schalltomographie ein unsicheres Bild, weil Schall den Luftspalt nicht durchquert. Dort führt an der Messung entlang einer Bohrlinie kaum ein Weg vorbei. Die sinnvolle Reihenfolge ist deshalb fast immer dieselbe: erst flächig und zerstörungsfrei suchen, dann punktgenau und minimalinvasiv nachfassen, wo das Bild eine Frage offen lässt.

Was keines der beiden Verfahren beantwortet

Beide Verfahren untersuchen den Stamm. Beide sagen deshalb etwas über die Bruchsicherheit und praktisch nichts über die Standsicherheit. Ob der Wurzelteller hält, ob eine Wurzelfäule den Baum kippen lässt, ob ein angeschnittener Wurzelbereich nach einer Baumaßnahme noch trägt: Diese Fragen beantwortet weder ein Tomogramm noch eine Bohrkurve. Dafür braucht es Verfahren, die den Baum tatsächlich belasten und seine Reaktion messen, also den Zugversuch oder die Windreaktionsmessung.

Das ist in der Praxis der teuerste Denkfehler, den wir sehen. Ein Baum wird am Stamm gemessen, das Ergebnis ist unauffällig, und daraus wird die Verkehrssicherheit insgesamt abgeleitet. Die Frage nach dem Wurzelraum wurde dabei nie gestellt.

Was das für die Praxis heißt

Der ehrlichste Satz zu diesem Thema stammt aus der Fachliteratur und nicht aus einem Prospekt: Weder die Stand- noch die Bruchsicherheit lassen sich messen, sie werden aus den Messwerten lediglich abgeleitet, und diese Ableitung ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet (Rust 2008). Auch die verbreitete Faustregel zur Restwandstärke gehört in diesen Zusammenhang. Sie stammt aus der Betrachtung freistehender, vollbekronter Bäume mit zentraler Fäule und ist auf Bäume in Gruppen oder mit reduzierter Krone nicht ohne Weiteres übertragbar. Sie ist eine Orientierung, keine Norm und kein Rechtsbegriff.

Für die tägliche Arbeit folgt daraus nichts Dramatisches, sondern eine Reihenfolge. Zuerst steht der Befund aus der Regelkontrolle, daraus ergibt sich eine präzise Frage, und erst diese Frage bestimmt das Verfahren. Wer sich daran hält, kommt in den allermeisten Fällen mit erstaunlich wenig Technik aus. Über alle bisher von uns durchgeführten eingehenden Untersuchungen hinweg war in rund 84 Prozent der Fälle keine Fällung erforderlich (eigene Auswertung, Stand 28.07.2026). Das liegt nicht am besonders guten Gerät. Es liegt daran, dass eine sauber gestellte Frage den Baum häufiger rettet als ein zusätzliches Messverfahren.

Dieser Beitrag gibt den fachlichen Stand wieder und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Quellen und weiterführende Links