Balkendiagramm: von 1.683 kartierten Bäumen wurden 900 automatisch gefunden, das sind 53 Prozent; von 2.046 automatisch gemeldeten Bäumen waren 900 tatsächlich Bäume, das sind 44 Prozent

Bäume aus dem Luftbild erkennen: Was die automatische Erfassung im Baumkataster trifft und was sie übersieht

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 21.09.2026

In Ausschreibungen und Angeboten für Baumkataster steht immer häufiger, dass der Bestand aus der Luft erfasst werden kann: Befliegung, Laserscan, Luftbild, dazu ein Rechenverfahren, das daraus Einzelbäume macht. Die Rechnung klingt gut. Statt monatelang zu Fuß durch die Stadt zu laufen, fliegt man einmal darüber und hat den Bestand. Wir werden regelmäßig gefragt, was davon zu halten ist, und haben lange keine ehrliche Antwort geben können, weil belastbare Zahlen fehlten. Für den Wald gibt es Untersuchungen, für die Stadt so gut wie keine. Seit Kurzem gibt es eine.

Ein Stadtviertel, 1.683 Bäume, jeder davon zu Fuß aufgenommen

Vier Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie haben ein solches Verfahren weiterentwickelt und, was seltener ist, sauber gegengeprüft. Grundlage sind Laserscandaten, digitale Orthofotos und das 3D-Gebäudemodell. Aus der Punktwolke werden Boden und Gebäude entfernt, aus dem Rest ein Kronenhöhenmodell gerechnet, und darin sucht das Verfahren mit maschinell gelernten Suchfenstern die Baumspitzen. Getestet wurde im Kölner Stadtteil Weidenpesch auf 45,8 Hektar, also einem normalen Quartier mit Wohnbebauung, Verkehrsflächen und einem Park.

Das Entscheidende ist die Referenz: In diesem Gebiet wurden vorher 1.683 Bäume von Hand kartiert, vollständig, auch auf Privatgrundstücken. Damit lässt sich nicht nur zählen, wie viel das Verfahren findet, sondern auch, ob das Gefundene stimmt.

Balkendiagramm: von 1.683 kartierten Bäumen wurden 900 automatisch gefunden, das sind 53 Prozent; von 2.046 automatisch gemeldeten Bäumen waren 900 tatsächlich Bäume, das sind 44 Prozent
Eigene Darstellung nach den Ergebnissen von Rein, Naber, Volk und Schultmann (KIT 2024). Beide Fehler entstehen im selben Rechendurchlauf.

Die Zahlen

Das beste der geprüften Modelle meldete im Testgebiet 2.046 Bäume. Davon ließen sich 900 einem wirklich vorhandenen Baum zuordnen. Daraus folgen zwei Quoten, die man zusammen lesen muss: Es wurden 53 Prozent der tatsächlich vorhandenen Bäume gefunden, und nur 44 Prozent der Meldungen waren richtig. Das F-Maß, das beides zusammenfasst, liegt bei 0,48. Fragt man nicht nach der Zahl der Bäume, sondern nach der Fläche der einzelnen Kronen, wird es schwächer: dort erreichen die Modelle Werte zwischen 0,33 und 0,37.

Bemerkenswert ist, dass die Fehler in beide Richtungen gleichzeitig auftreten. Das Verfahren meldet mehr Bäume, als da sind, und übersieht trotzdem fast die Hälfte. Der Grund steht in der Untersuchung: Große, breite Kronen werden in mehrere kleine zerlegt, das treibt die Zahl nach oben. Wo Bäume dicht stehen und einer unter der Krone des anderen wächst, sieht die Befliegung den unteren gar nicht, das drückt die Trefferquote nach unten. Beides ist keine Schlamperei in der Umsetzung, sondern liegt an der Blickrichtung. Von oben sieht man Kronendächer, keine Bäume.

Der Befund, der für Kommunen wichtiger ist

In derselben Untersuchung wurde nebenbei das vorhandene kommunale Baumkataster gegen die Vor-Ort-Kartierung gehalten, über den in den Bäumen gespeicherten Kohlenstoff als Vergleichsgröße. Das Kataster deckte davon 8 Prozent ab. Nicht weil es schlecht geführt wäre, sondern weil es tut, was kommunale Kataster üblicherweise tun: Es führt die Bäume im öffentlichen Raum, für die die Stadt verantwortlich ist. Der große Rest steht auf Privatgrundstücken.

Damit ist die Frage eigentlich schon sortiert. Wer wissen will, wie viel Baum in einem Quartier steht, wie viel Fläche überschirmt ist und wo sich Nachpflanzung lohnt, bekommt aus der Befliegung eine deutlich bessere Auskunft als aus jedem vorhandenen Kataster. Für diese Größenordnungsfragen ist das Verfahren heute schon brauchbar. Wer dagegen eine Liste braucht, in der jeder einzelne Baum mit Nummer, Art und Zustand steht, und die vor Gericht die Verkehrssicherungspflicht trägt, bekommt sie so nicht. Ein Bestand, bei dem man weder sicher ist, dass jeder Baum drin ist, noch, dass jeder Eintrag ein Baum ist, ist keine Kontrollgrundlage.

Was die Autoren selbst einschränken

Zur Redlichkeit gehört, dass die Untersuchung ihre eigenen Grenzen benennt. Die Modelle wurden bislang nur an den Daten geprüft, an denen sie auch gelernt haben; wie sie sich in einem anderen Stadtteil schlagen, ist offen. Es ist ein Testgebiet, ein Quartier, eine Stadt. Die Zahlen taugen deshalb als Größenordnung, nicht als Gütesiegel und auch nicht als Ausschlusskriterium. Wer sie gegen ein konkretes Angebot hält, sollte sie so verwenden: als Maßstab dafür, was heute realistisch ist.

Die drei Zahlen, die man verlangen sollte

Aufschlussreich ist ein Blick auf ein laufendes kommunales Projekt. Die Stadt Bamberg lässt zusammen mit der dortigen Universität ihren Baum- und Waldbestand aus Drohnenbefliegungen erfassen, mit Auflösungen von 1,5 bis 2,0 Zentimetern, und will das Ergebnis ab 2026 auch anderen Kommunen anbieten. Das Projekt hat sich als Erfolgskennzahlen genau drei Werte gesetzt: die Genauigkeit der Einzelbaumerkennung, die Genauigkeit der Baumgattungserkennung und die Genauigkeit der Vitalitätsschätzung. Veröffentlicht sind diese Werte bisher nicht.

Genau das sind die drei Fragen, die man stellen sollte, wenn ein Angebot zur automatischen Bestandserfassung auf dem Tisch liegt. Nicht, ob KI im Spiel ist, sondern: An welcher Referenz wurde geprüft, wie viele der vorhandenen Bäume wurden gefunden, und wie viele der Meldungen waren richtig. Wer darauf keine Zahl nennt, hat nicht gemessen. Wir halten die Fernerkundung im Baumkataster für eine gute Ergänzung, gerade um die Lücke zwischen öffentlichem und privatem Bestand sichtbar zu machen. Den Gang um den Stamm ersetzt sie nicht. Pilzfruchtkörper am Stammfuß, Rindenschäden, ein aufgerissener Wurzelanlauf: nichts davon ist von oben zu sehen, und genau daraus entsteht die Bewertung, für die eine Kommune am Ende geradesteht.

Quellen und weiterführende Links