Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 26.08.2026
Sicherheitsfaktor 0,70: Die Standsicherheit dieser Rosskastanie war rechnerisch nicht gegeben, auf einem stark frequentierten Stadtplatz mit Sitzbänken direkt unter der Krone. Zwölf Tage später steht derselbe Baum mit nachgewiesenem Sicherheitsfaktor 1,90. Gefällt wurde nicht. Gerechnet wurde.
Ausgangslage
Eine Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) in der Reifephase, 16,1 Meter hoch, als Solitär auf einer innerstädtischen Platzfläche in Ostwestfalen. Der Platz wird als Aufenthalts- und Veranstaltungsfläche intensiv genutzt, die Sicherheitserwartung ist entsprechend hoch. Und der Baum sieht gut aus: Vitalitätsstufe 1, dichte, gleichmäßig aufgebaute Krone. Wer nur nach oben schaut, sieht keinen Problembaum.
Zwei Dinge passen nicht ins Bild. Erstens: An zwei Stämmlingen finden sich überwallte Längsrisse, Spuren einer zurückliegenden mechanischen Überlastung. Zweitens, und entscheidend: Der Wurzelraum ist ringsum befestigt und verdichtet, ein offener Bodenanschluss besteht nur unmittelbar am Stammfuß. Ein Baum kann aber nur so gut verankert sein, wie sein Boden ihn wurzeln lässt.
Die Frage der Baumkontrolle lautete deshalb nicht „Ist die Krone in Ordnung?“, sondern: Hält die Verankerung der Windlast stand, die diese große Krone einsammelt? Das beantwortet kein Augenschein. Das beantwortet ein Zugversuch.
Die Erstmessung: eine Zahl unter eins
Statischer Zugversuch nach der Elasto-Inclino-Methode: Zugseil in 5,80 Meter Höhe am Stamm verankert, Ankerpunkt in 14 Meter Entfernung, stufenweise Lasteinleitung bis rund 7,7 Kilonewton, dabei Messung der Stammfußneigung über zwei Neigungssensoren. Das Kippverhalten wird über die verallgemeinerte Kippkurve nach Wessolly ausgewertet. Die anzusetzende Windlast liefert ein fotogestütztes Kronenmodell nach DIN EN 1991-1-4: Kronenfläche 117,68 Quadratmeter bei 16,10 Meter Höhe.
Das Ergebnis: Die Verankerung trägt am ungünstigeren Sensor ein Moment von 334.598 Newtonmetern. Der Bemessungssturm drückt mit 481.166 Newtonmetern auf diese Krone. Das ist ein Sicherheitsfaktor von 0,70, und damit nicht nur unter dem Richtwert von 1,5 für einen maßnahmenfreien Erhalt, sondern unter 1,0: Im Bemessungslastfall wäre rechnerisch mit dem Versagen der Verankerung zu rechnen. Die Standsicherheit war nicht gegeben.
Bis zur Maßnahme wurde empfohlen, den Kronenbereich bei angekündigten Starkwindereignissen zu sperren.
Die Rechnung statt des Reflexes
An diesem Punkt kippen viele Verfahren in den Reflex: Standsicherheit nicht gegeben, hohe Sicherheitserwartung, also fällen. Der Zugversuch liefert aber mehr als ein Urteil, er liefert eine Stellgröße. Denn die Verankerung des Baumes ist eine feste, gemessene Größe. Veränderbar ist die andere Seite der Gleichung: die Windlast, die die Krone einsammelt.
Die Rechnung sagt exakt, wie viel weichen muss: Das Windlastmoment musste von 481.166 auf höchstens rund 223.000 Newtonmeter sinken, damit der Sicherheitsfaktor 1,5 erreicht wird. Das ist eine Reduzierung um 54 Prozent, umsetzbar durch eine allseitige Kronenüberarbeitung mit einer linearen Einkürzung der Kronenabmessungen um rund 20 bis 25 Prozent, fachgerecht nach ZTV-Baumpflege. Nicht mehr und nicht weniger.
Vor dem Schnitt gehört der Artenschutz auf den Tisch: Die überwallten Risse wurden unmittelbar vor der Maßnahme auf Spaltenquartiere und aktuellen Besatz kontrolliert (§§ 44 und 39 BNatSchG). Was dabei zu prüfen ist, haben wir in unserem Artenschutz-Lexikon zusammengestellt.
Die Kontrollmessung: der Beweis
Die Kronenüberarbeitung wurde umgesetzt, und dann kommt der Schritt, der in der Praxis viel zu oft ausfällt: die Wiederholung des Zugversuchs mit unverändertem Messaufbau. Eine Maßnahme, deren Wirkung niemand nachmisst, ist eine Hoffnung, kein Nachweis.
Das neue Kronenmodell ergab 70,17 Quadratmeter bei 14,80 Meter Höhe. Das Windlastmoment sank damit auf 175.656 Newtonmeter, eine Reduzierung um 63 Prozent, die geforderten 54 Prozent wurden deutlich übertroffen. Die Wiederholungsmessung ergab Sicherheitsfaktoren von 2,35 und maßgeblich 1,90: erstmals oberhalb des Richtwertes von 1,5. Die Standsicherheit ist rechnerisch nachgewiesen, die Verkehrssicherheit wiederhergestellt.
Zwischen Erstmessung und bestätigtem Nachweis lagen zwölf Tage.
Der eigentliche Befund liegt im Boden
Warum kippelt ein vitaler Baum überhaupt? Ergänzend zur Kontrollmessung wurde die Bodenverdichtung im Kronentraufbereich an acht Messpunkten mit einem Penetrometer untersucht. Ergebnis: durchgängig Eindringwiderstände über 300 psi, rund 2,1 Megapascal. Ab dieser Größenordnung kommt Wurzelwachstum weitgehend zum Erliegen. Die Kastanie steht in einem Boden, in dem sie ihre Verankerung kaum noch verbessern kann.
Deshalb gehört zur Maßnahme am Baum die Maßnahme am Standort: Vergrößerung der offenen Baumscheibe, Lockerung der verdichteten Bereiche, Wässerung in Trockenphasen. Die Kronenreduktion hat Zeit gekauft. Der Wurzelraum entscheidet, was aus dieser Zeit wird.
Der Kern des Falls
Ohne Messung hätte dieser Baum nur zwei mögliche Schicksale gehabt: stehen bleiben mit einem unerkannten Sicherheitsfaktor von 0,70, oder vorsorglich fallen, weil niemand das Risiko tragen wollte. Beides wäre falsch gewesen. Die Messung ersetzt beide Fehlentscheidungen durch eine dosierte Maßnahme mit anschließendem Nachweis: So viel Krone wie möglich, so viel Rückschnitt wie nötig, und am Ende eine Zahl, die es belegt.
Zur Ehrlichkeit gehört auch: SF 1,90 ist eine Reserve auf Zeit. Mit dem Wiederaustrieb wächst die Segelfläche, das Windlastmoment steigt wieder. Der Baum bleibt deshalb im 12-Monats-Kontrollintervall, eine erneute Kontrollmessung ist innerhalb von 24 Monaten beziehungsweise nach deutlichem Kronenzuwachs vorgesehen. Ein Erhalt unter diesen Standortbedingungen ist keine Entscheidung für immer, sondern eine auf Wiedervorlage.
Kerndaten des Falls
- Baumart: Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum), Reifephase, Vitalität 1
- Standort: innerstädtische Platzfläche, Wurzelraum ringsum befestigt und verdichtet, hohe Sicherheitserwartung
- Verfahren: statischer Zugversuch (Elasto-Inclino-Methode, Fakopp, zwei Neigungssensoren), Windlast am fotogestützten Kronenmodell nach DIN EN 1991-1-4, ergänzend Penetrometer-Messung an acht Punkten
- Erstmessung 12.08.2026: ertragbares Moment 334.598 Nm, Windlastmoment 481.166 Nm, Sicherheitsfaktor 0,70: Standsicherheit nicht gegeben
- Maßnahme: allseitige Kronenüberarbeitung nach ZTV-Baumpflege, berechnet auf mindestens 54 % Windlastreduktion; Artenschutz-Kontrolle der Risse vor dem Schnitt
- Kontrollmessung 24.08.2026: Windlastmoment 175.656 Nm (minus 63 %), Sicherheitsfaktor 1,90: Verkehrssicherheit wiederhergestellt
- Boden: Eindringwiderstand an allen acht Messpunkten über 300 psi (rund 2,1 MPa), Empfehlung Entsiegelung und Wurzelraumverbesserung
- Kontrollregime: Intervall 12 Monate, erneute Kontrollmessung innerhalb von 24 Monaten
Zum Verfahren: Zugversuch in der Baumdiagnostik · Eingehende Untersuchung nach FLL · alle Fallstudien
Quellen und weiterführende Links
- FLL: Baumkontrollrichtlinien, 3. Ausgabe 2020 (Maßstab für die Regelkontrolle)
- FLL: Baumuntersuchungsrichtlinien 2013 (Maßstab für die eingehende Untersuchung)
- DIN EN 1991-1-4 (Eurocode 1): Einwirkungen auf Tragwerke, Windlasten; Grundlage der Windlastermittlung am Kronenmodell.
- Wessolly, L. / Erb, M.: Handbuch der Baumstatik und Baumkontrolle. Grundlage der verallgemeinerten Kippkurve in der Zugversuchsauswertung.
- Messwerte, Fotos und Bewertung stammen aus unserem eigenen Gutachten mit Nachtrag vom August 2026. Das Gutachten selbst ist nicht öffentlich; Auftraggeber, Ort und Objekt sind hier bewusst weggelassen.
Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Gutachtenpraxis. Er ersetzt weder die Beurteilung des konkreten Baums vor Ort noch eine Rechtsberatung im Einzelfall.