Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 03.09.2026
Welche Baumarten haben den Dürresommer 2022 weggesteckt, welche Stadtteile haben am meisten gelitten, und wo lohnt sich Bewässerung zuerst? Für gut 20.000 Bäume einer Kommune haben wir diese Fragen aus dem Weltraum beantwortet: 314 Satellitenaufnahmen über fünf Sommer, ohne Befliegung, ohne Feldaufwand, ohne einen einzigen Baum anzufassen.
Ausgangslage
Eine Mittelstadt in Niedersachsen mit einem gut gepflegten Baumkataster: rund 25.000 Straßen-, Park- und Anlagenbäume. Die Kontrolldaten sind aktuell, die Regelkontrolle läuft. Was fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, die seit den Trockenjahren jedes Grünflächenamt stellt: Wie hat der Bestand die letzten Sommer eigentlich vertragen, und zwar nicht gefühlt, sondern gemessen, für jeden Stadtteil und jede Baumart?
Die klassische Antwort wäre eine Befliegung mit Infrarotkamera: teuer, ein Stichtag, und in drei Jahren veraltet. Wir haben stattdessen die Daten genutzt, die ohnehin vorhanden sind.
Die Methode: nicht der Baum, sondern seine Abweichung
Die europäischen Sentinel-2-Satelliten fotografieren jeden Ort alle paar Tage mit zehn Metern Bodenauflösung, frei zugänglich. Aus Rot und nahem Infrarot entsteht der Vegetationsindex NDVI, ein Maß für die Dichte grüner Blattmasse. Das Problem: Ein Straßenbaum ist kleiner als ein Satellitenpixel. In seinem Wert stecken Asphalt, Rasen und Nachbarbäume.
Der Kniff liegt deshalb nicht im absoluten Wert, sondern im Vergleich: Wir bilden für jeden Baum den Median aller wolkenfreien Aufnahmen von Juni bis September und messen, wie stark ein Sommer vom Mehrjahresmittel desselben Baums abweicht. Die Straße im Pixel war in jedem Jahr dieselbe, der Unterschied kommt vom Baum. Gemittelt über hunderte Bäume je Stadtteil oder Baumart wird daraus ein belastbares Signal.

Was der Bestand erzählt
Das Jahr: 2022 war das Stressjahr des Zeitraums, mit einer mittleren Abweichung von minus 0,030 bei 277 Millimetern Regen zwischen April und September und elf Hitzetagen. 2023 war das beste Jahr (plus 0,020, 415 Millimeter, drei Hitzetage). Interessant ist 2025: fast so trocken wie 2022, aber ohne Hitzewelle, und der Bestand hat es deutlich besser weggesteckt. Die Kombination aus Trockenheit und Hitze ist es, die den Bäumen zusetzt, nicht die Trockenheit allein.
Die Baumarten: Unter den großen Straßenbaumarten brach Apfel 2022 am tiefsten ein, gefolgt von Vogelkirsche und Feldahorn. Am stabilsten blieben Salweide, Winterlinde und Fichte. Das ist keine Literaturmeinung, das ist der gemessene Bestand dieser Stadt auf ihren Böden.

Die Stadtteile: Auf einer 200-Meter-Karte werden die Einbrüche räumlich sichtbar. Am stärksten getroffen waren zwei jüngere Pflanzgebiete, darunter ausgerechnet ein als Klimabaum-Standort angelegtes Quartier mit minus 0,071. Und wo die Karte 2025 trotz des milderen Sommers braun bleibt, liegt der Verdacht auf Standortproblemen nahe, nicht auf dem Wetter. Genau dort gehört der Penetrometer in den Boden.
Was daraus folgt
Nachpflanzung: Die Arten aus dem oberen Teil der Tabelle sind die Kandidaten. Arten mit den tiefsten Einbrüchen nur noch an nachweislich günstigen Standorten. Das ist eine Artenwahl aus eigenen Daten statt aus Empfehlungslisten anderer Städte.
Bewässerung und Standortverbesserung: Die Gebiete mit wiederkehrend brauner Färbung zuerst, dort Baumscheibe und Bodenverdichtung prüfen. Wer Bewässerung nach Karte statt nach Gefühl steuert, gibt das Geld dort aus, wo es wirkt. Für Standortverbesserungen an Bestandsbäumen gibt es übrigens Förderung.
Fortschreibung: Der Bericht lässt sich jeden Herbst mit dem abgeschlossenen Sommer fortschreiben. Ohne Befliegung, ohne Feldaufwand. Aus einer einmaligen Momentaufnahme wird eine Zeitreihe, und Zeitreihen sind es, die Maßnahmen bewerten: Hat die Bewässerung im Quartier X etwas gebracht? Die Antwort steht im nächsten Bericht.
Ehrlich zu den Grenzen
Für den einzelnen Baum trifft dieser Bericht keine Aussage. Wir haben die Satellitenwerte gegen 457 frische Vitalitätsurteile aus unserer eigenen Baumkontrolle geprüft: Der Zusammenhang ist statistisch gesichert, aber schwach. Das reicht für Gruppen, Stadtteile und Arten, nicht für die Frage, ob Baum Nummer 4711 krank ist. Wer das behauptet, verkauft Ihnen ein Pixel als Diagnose.
Der Bericht ersetzt deshalb keine Regelkontrolle nach FLL und trifft keine Aussage zur Verkehrssicherheit. Er beantwortet eine andere Frage, und die beantwortet er für einen ganzen Bestand auf einmal.
Kerndaten des Falls
- Bestand: Mittelstadt in Niedersachsen, 20.036 ausgewertete Bäume aus dem städtischen Kataster (Jungbäume unter 4 m Krone ausgeschlossen)
- Daten: Sentinel-2 L2A (ESA/Copernicus), 314 Aufnahmen 2022 bis August 2026, Wolken und Schatten je Pixel maskiert; Wetter aus ERA5-Reanalyse
- Kenngröße: Abweichung des Sommer-Medians (Juni bis September) vom baumeigenen Mittel 2022 bis 2025, gemittelt je Gebiet und Art ab 40 Bäumen
- Ergebnis Jahre: 2022 minus 0,030 (Stressjahr), 2023 plus 0,020, 2025 minus 0,002 trotz Trockenheit
- Ergebnis Arten: stärkste Reaktion Apfel, Vogelkirsche, Feldahorn; stabilste Salweide, Winterlinde, Fichte
- Validierung: gegen 457 Kontrollurteile 2026, Zusammenhang gesichert (p = 0,004), aber schwach: Gruppenaussage, kein Einzelbaumurteil
- Aufwand: Rechenzeit rund zwölf Minuten für den Gesamtbestand, keine Befliegung, kein Feldeinsatz
Zum Verfahren: Trockenstressbericht für Ihren Bestand · Baumbestandsanalyse & Fernerkundung · Baumkataster Arbovia · alle Fallstudien
Quellen und weiterführende Links
- ESA/Copernicus: Sentinel-2-Mission. Contains modified Copernicus Sentinel data 2022 bis 2026.
- Wetterdaten: ERA5-Reanalyse (ECMWF) über Open-Meteo, Referenzverdunstung nach FAO.
- Auswertung, Grafiken und Bewertung stammen aus unserem eigenen Trockenstressbericht vom September 2026 für eine kommunale Auftraggeberin. Ort, Gebietsnamen und Auftraggeber sind hier bewusst weggelassen.
Dieser Beitrag beschreibt einen Einzelfall aus unserer Praxis. Er ersetzt weder die Beurteilung des konkreten Bestands noch eine Baumkontrolle vor Ort.