Balkendiagramm: Ein Jungbaum mit 25 Zentimetern Stammumfang erhaelt rund 100 Liter Wasser je Gabe, zweimal im Monat. Ein ausgewachsener Baum benoetigt bei Hitze 200 bis 400 Liter Wasser pro Tag.

Gießen am Altbaum: Was der Wasserwagen leisten kann und was nicht

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 31.08.2026

In diesem Sommer sind die Gießfahrzeuge in vielen Kommunen im Dauereinsatz. Die Stadt Aachen berichtet Ende Juli, dass ein Team des Stadtbetriebs wöchentlich 2.400 Jungbäume wässert, und bittet die Anwohner um Unterstützung. In derselben Mitteilung steht ein Satz, der uns aus der Kontrollpraxis vertraut vorkommt: Ältere Bäume, die seit Jahren am Standort etabliert sind, stehen plötzlich trocken und sterben ab.

Beides steht nebeneinander, und beides stimmt. Das wirkt widersprüchlich, ist es aber nicht. Bewässerung ist eine Maßnahme für den Jungbaum. Am Altbestand wirkt sie kaum. Wer sie trotzdem als Antwort auf ein Trockenjahr verbucht, verlässt sich auf etwas, das nicht trägt.

Die Mengen passen nicht zusammen

Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz nennt zwei Zahlen, die man nebeneinanderlegen sollte. Ein Jungbaum mit 25 Zentimetern Stammumfang braucht von April bis August zweimal im Monat rund 100 Liter. Ein ausgewachsener Baum braucht 200 bis 400 Liter Wasser pro Tag. Dieselbe Quelle formuliert die Konsequenz ungewöhnlich deutlich: Bäume, die über zehn Jahre am Standort stehen, müssen sich grundsätzlich selbst versorgen können, und Altbäume mit kleinen Wassergaben zu gießen sei Trinkwasserverschwendung.

Die Gartenamtsleiterkonferenz kommt in ihrem Positionspapier zur Bewässerung zum gleichen Ergebnis. Jüngere Bäume lassen sich durch häufigeres Wässern noch retten, bei älteren Exemplaren sind dem natürliche Grenzen gesetzt. Bleibt der Niederschlag über Wochen bei hohen Temperaturen aus, ist der Tagesbedarf eines ausgewachsenen Baumes über zusätzliche Bewässerung nicht auszugleichen.

Balkendiagramm: Ein Jungbaum mit 25 Zentimetern Stammumfang erhält rund 100 Liter Wasser je Gabe, zweimal im Monat. Ein ausgewachsener Baum benötigt bei Hitze 200 bis 400 Liter Wasser pro Tag.
Die übliche Wassergabe ist auf den Jungbaum zugeschnitten. Beim ausgewachsenen Baum steht derselben Größenordnung ein Tagesbedarf gegenüber.

Das Wasser kommt nicht dorthin, wo es fehlt

Zur Menge kommt die Verteilung, und die ist das eigentliche Problem. Aachen beschreibt für diesen Sommer eine ausgetrocknete obere Bodenschicht von dreißig bis fünfzig Zentimetern. Genau dieser Bereich ist der hauptsächlich durchwurzelte. Und er ist erst dann wieder durchnässt, wenn mehrmals fünfzehn Liter je Quadratmeter gefallen sind. In der Region war das in den vorangegangenen vier Monaten zweimal der Fall.

Ein Gießring am Stammfuß befeuchtet ein paar Quadratmeter. Der durchwurzelte Raum eines Altbaums reicht weit darüber hinaus, in der Fläche wie in der Tiefe. Rechnet man mit den fünfzehn Litern je Quadratmeter weiter, dann braucht allein die Fläche unter einer Krone von hundert Quadratmetern rund 1.500 Liter, um die oberste Bodenschicht einmal zu durchfeuchten. Die hundert Quadratmeter sind hier ein Rechenbeispiel und kein Messwert, aber die Größenordnung zeigt, worum es geht: Der Gießring erreicht einen Bruchteil der Fläche, auf die es ankommt.

Warum spätes Gießen oft nichts mehr rettet

Die aus unserer Sicht wichtigste Beobachtung aus Aachen ist keine Literzahl, sondern eine biologische. Feinwurzeln leben je nach Baumart nur wenige Wochen und werden fortlaufend neu gebildet. Bleibt das Wasser aus, sterben sie ab und werden nicht ersetzt. Selbst wenn später wieder Wasser verfügbar wäre, sind unter Umständen nicht mehr genug Feinwurzeln vorhanden, um den Baum zu versorgen.

Für die Baumkontrolle heißt das: Der Trockenschaden ist zu einem erheblichen Teil ein Wurzelschaden, und Wurzelschäden sieht man von oben nicht. Was man sieht, kommt später und indirekt, als Kronenrückgang, als Rindennekrose, als Totholz im Feinastbereich. Wie sich das am noch grünen Baum ablesen lässt, haben wir an anderer Stelle beschrieben.

Was Bewässerung dagegen sehr wohl leistet

Das ist ausdrücklich kein Plädoyer dafür, den Wasserwagen abzubestellen. Anwuchspflege ist die wirksamste Wassermaßnahme, die eine Kommune überhaupt hat. Die ersten Standjahre entscheiden darüber, ob aus der Pflanzung ein Baum wird, und dort ändert jede Gabe tatsächlich etwas. Berlin hält Wässerungen je nach Standort und Witterung bis zum zehnten Standjahr für möglich, mit dem erklärten Ziel, den Baum so früh wie möglich unabhängig zu machen. Aachen gießt genau in diesem Rahmen, nämlich die Neupflanzungen der vergangenen drei Jahre und auffällige Bäume aus den vergangenen fünf.

Zur Ehrlichkeit gehört die Gegenrichtung. Wir können nicht messen, wie viel Wasser ein einzelner Altbaum aufgenommen hat, und keine Untersuchung macht einen Trockenschaden sichtbar, bevor der Baum ihn zeigt. Auch der Deutsche Wetterdienst hält für Anfang August 2026 nur fest, dass die Wälder meist noch von Feuchtigkeit in tieferen Bodenschichten zehren. Wie lange dieser Vorrat reicht, weiß niemand. Was wir leisten können, ist die frühe und richtige Deutung der Symptome und die Konsequenz daraus.

Am Altbaum wirken zwei andere Dinge

Der durchwurzelbare Raum. Ein Baum, dessen Wurzelraum intakt ist, übersteht ein Trockenjahr besser als ein gegossener Baum auf verdichtetem Boden. Die Gartenamtsleiterkonferenz weist darauf hin, dass selbst offene Baumscheiben und Grünstreifen durch häufiges Begehen und Befahren oft verdichtet sind und den ohnehin selteneren Regen kaum noch zu den Wurzelhorizonten durchlassen. Verdichtung, Abgrabung und Versiegelung sind damit die teureren Fehler, und sie passieren meistens auf Baustellen. Der Wurzelbereich lässt sich vorab bestimmen, und eine baumschutzfachliche Baubegleitung verhindert im Bauablauf mehr Trockenschaden, als eine Gießrunde ihn heilen kann.

Das Kontrollintervall. Die FLL-Baumkontrollrichtlinien binden das Intervall an Alter, Zustand und Standort des Baumes. In einem Trockenjahr verschiebt sich der Zustand nicht bei einzelnen Bäumen, sondern bei ganzen Bestandsgruppen gleichzeitig, und zwar an denselben Standorten, die schon vorher die schlechtesten waren. Wer das Intervall unverändert stehen lässt, dokumentiert am Ende eine Kontrolle, die den Zustand nicht mehr abbildet. Die Verkürzung muss begründet sein und im Kataster nachvollziehbar stehen, sonst nützt sie im Streitfall nichts. Für eine erste Einordnung haben wir einen Rechner für das Kontrollintervall bereitgestellt.

Unterm Strich: Gießen ist Anwuchspflege, und dort ist es richtig und wichtig. Für den Altbestand ist die wirksame Antwort auf Trockenjahre der Schutz des durchwurzelbaren Raums und ein Kontrollintervall, das dem tatsächlichen Zustand folgt. Wie eine Regelkontrolle nach FLL das abbildet, besprechen wir gern am konkreten Bestand.

Dieser Beitrag gibt den fachlichen Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Quellen und weiterführende Links