Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 11.09.2026
Pilzsachverständige rechnen in diesem Jahr mit einer dünnen Saison, mancherorts mit gar keiner. Für Sammler ist das ärgerlich. Für die Baumkontrolle ist es etwas anderes, nämlich ein diagnostisches Problem. Die Herbstkontrolle lebt zu einem guten Teil von einem Merkmal, das in diesem Jahr womöglich schlicht nicht erscheint.
Die Ausgangslage ist gut dokumentiert
Der Deutsche Wetterdienst hat am 6. August 2026 eine Zwischenbilanz zur Trockenheit gezogen. Der Kernsatz lautet: „Der Zeitraum von Anfang November bis Ende Juli fiel in Deutschland seit 1882 nur zwei Mal trockener aus.” Die Bodenfeuchte der oberen 60 Zentimeter lag seit Ende Mai im Deutschlandmittel oft nur leicht über dem Niveau der Dürrejahre 2018 und 2022, im Süden waren die Böden verbreitet sogar trockener als damals. Ab etwa 50 Prozent nutzbarer Feldkapazität geraten Pflanzen zunehmend unter Trockenstress, unter 30 Prozent deutlich.
Für die Pilzsaison ist das eine unmittelbare Größe. Fruchtkörper bestehen zum größten Teil aus Wasser, und ohne anhaltende Feuchte werden sie nicht gebildet.
Der Fruchtkörper ist nicht der Pilz
Das ist der Punkt, an dem in der Praxis am häufigsten falsch geschlossen wird. Was den Baum zersetzt, ist das Myzel im Holz. Es arbeitet weiter, ob es fruktifiziert oder nicht. Der Fruchtkörper ist das Fortpflanzungsorgan, und ob er in einem bestimmten Jahr erscheint, hängt an Temperatur und Feuchte. Er ist damit ein sehr auffälliger, aber unzuverlässiger Zeuge.
Wie unterschiedlich zuverlässig, zeigt der Blick in die Merkblätter des Pflanzenschutzamts Berlin, einer amtlichen Quelle mit klaren Angaben. Der Schwefelporling bildet einjährige Fruchtkörper von Mai bis September. Der Riesenporling von Juli bis Oktober. Der Honiggelbe Hallimasch von September bis November. Der Zunderschwamm dagegen bildet mehrjährige Konsolen, die bis zu 30 Jahre alt werden und deshalb zu jeder Jahreszeit anzusprechen sind.

Die Zuordnung ist unangenehm, wenn man sie statisch liest. Ausgerechnet die Art, die am Wurzelteller arbeitet, gehört zu den einjährigen. Der Riesenporling zersetzt die tragenden Starkwurzeln, während der Stamm völlig intakt bleiben kann; nach dem Merkblatt sind Kronensymptome erst spät sichtbar, und Bruch- wie Standsicherheit können stark beeinträchtigt sein. Wer diesen Pilz im Herbst nicht am Stammfuß findet, hat deshalb nicht die Standsicherheit geprüft. Er hat ein Merkmal nicht gefunden.
Was wir nicht sagen können
Um wie viel schlechter die Sichtbarkeit in diesem Herbst tatsächlich ist, wissen wir nicht, und niemand sonst weiß es. Die Meldungen über die schwache Saison betreffen überwiegend Arten, die aus dem Boden fruchten. Holzbewohnende Pilze sitzen in dem Substrat, das sie zersetzen, und Holz hält Feuchte anders als der Oberboden. Eine Zählreihe für Straßen- und Parkbäume, aus der sich eine Quote ableiten ließe, gibt es nicht.
Wir arbeiten deshalb nicht mit einer Prozentzahl, sondern mit der Richtung. In einem trockenen Jahr sinkt die Wahrscheinlichkeit, ein einjähriges Merkmal anzutreffen. Der Umkehrschluss vom fehlenden Fruchtkörper auf den gesunden Baum war ohnehin nie zulässig. In diesem Jahr ist er besonders wenig wert.
Woran man sich stattdessen hält
Es gibt eine ganze Reihe von Anzeichen, die nicht an eine Saison gebunden sind, und die in einem solchen Jahr an Gewicht gewinnen.
- Reste des Vorjahres. Beim Riesenporling verfärben sich alte Fruchtkörper dunkel bis schwarz und bleiben als Beleg des Vorjahresbefalls am Stammfuß erkennbar. Auch der Birkenporling hinterlässt zähe Reste, die oft bis ins Folgejahr stehen.
- Vegetative Strukturen. Der Hallimasch infiziert über Rhizomorphen, dunkle bis schwarze Stränge von ein bis zwei Millimetern Durchmesser, dazu kommt das weiße Fächermyzel unter der Rinde. Beides ist ganzjährig da und hat mit der Fruchtkörpersaison nichts zu tun.
- Mehrjährige Konsolen. Zunderschwamm, Flacher Lackporling und Eschenbaumschwamm stehen ohnehin und lassen sich sogar über die Zuwachszonen lesen.
- Reaktionen des Baumes. Einwallungsfurchen und Wülste entstehen, weil der Baum auf den inneren Wundreiz reagiert. Beim Brandkrustenpilz sind genau diese Furchen der eigentliche Anzeiger, denn seine Fruchtkörper sind unauffällig und werden regelmäßig übersehen. Dass dieser Pilz eine Moderfäule verursacht, macht die Sache nicht leichter: Das Holz wird spröde und bricht ohne die Vorwarnung, die zähes weißfaules Holz oft noch gibt.
Drei Dinge, die wir in einem solchen Jahr schärfen
Erstens die Formulierung im Kataster. „Kein Pilzbefall” ist eine Behauptung, die eine visuelle Kontrolle nicht decken kann. „Keine Fruchtkörper gefunden” ist der Befund, den sie tatsächlich hergibt. Der Unterschied kostet nichts und trägt viel, sobald jemand die Akte später liest.
Zweitens die Frage, die auch ohne Fund bleibt. Wenn Kronenbild, Stammfuß oder Standortgeschichte Anlass geben, gehört die Sache in die Kontrolle am Baum und, wenn sie dort offen bleibt, in die eingehende Untersuchung. Bei hoher Sicherheitserwartung auf das nächste Fruchtkörperjahr zu warten, ist keine Entscheidung, sondern ein Aufschub.
Drittens das Kontrolldatum im Zusammenhang mit der Witterung. Wer im Oktober 2026 nichts findet, hat etwas anderes gesehen als jemand, der im Oktober eines feuchten Jahres nichts findet. Steht das nicht in der Dokumentation, ist der Vergleich mit dem Vorjahr im nächsten Jahr nicht mehr lesbar.
Für den Herbst 2026 heißt das nichts Dramatisches. Wir gehen mit derselben Systematik in die Baumkontrolle wie immer, nur mit weniger Vertrauen in das auffälligste Merkmal. Wo der Fruchtkörper ausbleibt und der Verdacht bleibt, entscheidet am Ende die Messung.
Quellen und weiterführende Links
- Deutscher Wetterdienst: Deutscher Wetterdienst zur starken Trockenheit im Sommer 2026, Meldung vom 6. August 2026
- Pflanzenschutzamt Berlin: Pilzfruchtkörper an Bäumen 06, Riesenporling, Fassung Februar 2022 (PDF)
- Pflanzenschutzamt Berlin: Pilzfruchtkörper an Bäumen 02, Honiggelber Hallimasch, Fassung Februar 2022 (PDF)
- Pflanzenschutzamt Berlin: Pilzfruchtkörper an Bäumen 13, Schwefelporling, Fassung Februar 2022 (PDF)
- Pflanzenschutzamt Berlin: Pilzfruchtkörper an Bäumen 18, Echter Zunderschwamm, Fassung Februar 2022 (PDF)
- Technische Universität Berlin, Leitfaden Biotopholz: Holzzersetzung und Baumkontrolle
- Reinartz, H. und Schlag, M.: Schadwirkung und Kontrolle des Brandkrustenpilzes (PDF)
- dpa-Meldung vom 25. August 2026: Trockenheit, Pilzsaison droht auszufallen
- Unser Lexikon holzzersetzender Pilze mit den Merkmalen, Verwechslungsarten und dem passenden Prüfverfahren je Art