Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 19.10.2026
Seit dem Sommer läuft eine Zahl durch die kommunale Diskussion: Aus 195 deutschen Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern sollen zwischen 2018 und 2025 mehr als 900.000 Bäume verschwunden sein. Sie stammt aus dem Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe. Wir werden inzwischen darauf angesprochen, meist mit derselben Frage im Hintergrund: Gilt das bei uns auch? Die Zahl ist nicht falsch. Sie beantwortet nur eine andere Frage als die, die im Raum steht.
Gezählt wurden keine Bäume
Der Hitze-Check bewertet Städte über drei Kennzahlen. Für den Baumbestand ist davon der Beschirmungsgrad zuständig, und die Deutsche Umwelthilfe definiert ihn in ihrer Städtetabelle wörtlich als den Grad der Bedeckung des Bodens durch Vegetation, die höher als 2,5 Meter ist. Erhoben wird er fernerkundlich aus hochaufgelösten Satellitendaten. Das ist eine Flächengröße. Sie sagt, wie viel Boden unter einem Kronendach liegt. Der einzelne Baum kommt darin nicht vor.
Für die Frage, um die es dem Hitze-Check geht, ist das genau die richtige Größe. Wer wissen will, wie stark ein Wohnquartier im Sommer beschattet wird, misst Fläche und nicht Stückzahl. Ein Meter Schatten kühlt, egal von welchem Baum er kommt.
Wie aus Quadratmetern Bäume werden
Die Zahl der verlorenen Bäume entsteht in einem zweiten Schritt, und die Deutsche Umwelthilfe legt ihn offen. In Fußnote 4 der Städtetabelle steht, dass die Zahlen eine rechnerische Annäherung sind. Grundlage ist der gemessene Rückgang des Beschirmungsgrades, umgerechnet über eine durchschnittliche Kronengröße von 70 Quadratmetern je Stadtbaum. Dazu ein Satz, der in keiner Schlagzeile auftaucht: Die Zahl geht nicht in die Gesamtwertung ein. Die Deutsche Umwelthilfe behandelt sie also selbst als Nebenrechnung, nicht als Messergebnis.

70 Quadratmeter entsprechen, wenn man die Krone als Kreis rechnet, einem Kronendurchmesser von rund 9,4 Metern. Das ist ein Straßenbaum in mittleren Jahren. Eine ausgewachsene Linde mit 20 Metern Kronendurchmesser deckt über 300 Quadratmeter ab und zählt in dieser Rechnung wie viereinhalb Bäume. Ein junger Ersatzbaum mit vier Metern Krone zählt wie ein Fünftel. Bei einer bundesweiten Summe über 195 Städte mittelt sich das teilweise wieder heraus. Für die einzelne Stadt, und um die geht es im Gremium, tut es das nicht.
Was die Rechnung nicht auseinanderhalten kann
Kronenfläche geht auch verloren, ohne dass ein Baum verschwindet. Ein kräftiger Rückschnitt aus dem Lichtraumprofil, absterbende Kronenteile nach mehreren Trockenjahren, eine Krone, die nach Sturmschaden eingekürzt wurde: Von oben betrachtet ist das alles dasselbe, nämlich weniger Bedeckung. In unseren Kontrollen sind Kronenrückgang und Astausbruch häufige Befunde, und der Baum steht danach noch. Er wirft nur weniger Schatten.
In die andere Richtung wirkt eine zweite Festlegung, die ebenfalls in der Fußnote steht. Neupflanzungen werden grundsätzlich nicht berücksichtigt, außer sie gleichen den Verlust der Krone am selben Standort aus. Eine Stadt kann in diesen sieben Jahren also viel gepflanzt haben und trotzdem tief im Minus stehen, weil junge Kronen fast nichts bedecken. Das ist kein Konstruktionsfehler. Es ist die logische Folge dessen, was gemessen wird: der Schatten von heute, nicht der Bestand von morgen.
Was die Auswertung wirklich hergibt
Der Beschirmungsgrad selbst ist die belastbare Größe, und er ist wertvoll. Die Deutsche Umwelthilfe bewertet ihn mit klaren Schwellen: unter 20 Prozent rot, 20 bis 29,99 Prozent gelb, ab 30 Prozent grün. Diese Zahl lässt sich über Jahre fortschreiben, sie ist zwischen Städten vergleichbar, und sie erfasst auch den privaten Bestand, über den keine Kommune eine Liste führt. Wir kommen bei eigenen Auswertungen aus amtlichen Höhendaten zum selben Schluss: Flächenanteile sind fernerkundlich gut zu bekommen, Einzelbäume nicht.
Wer die Auswertung für die eigene Stadt aufruft, sollte deshalb auf den Beschirmungsgrad und seinen Verlauf schauen und die Baumzahl daneben legen, nicht darauf aufbauen.
Was im Ausschuss davon bleibt
Wenn die Zahl auf dem Tisch liegt, hilft es, drei Dinge sauber zu trennen. Die Beschirmung ist gemessen, dazu kann man Stellung nehmen. Die Bilanz des eigenen Baumbestands steht dagegen in der eigenen Buchführung: Fällungen, Abgänge, Pflanzungen, Jahr für Jahr. Das ist eine Verwaltungsfrage und keine Satellitenfrage, und wer sie mit einer hochgerechneten Zahl beantwortet, verliert die erste kritische Nachfrage. Und die Verkehrssicherheit hat mit beidem nichts zu tun. Ein Bestand kann schrumpfen und trotzdem sicher sein, und er kann wachsen und trotzdem Probleme machen.
Uns ist an dieser Stelle vor allem eines wichtig, weil wir es in Angeboten und Ausschreibungen immer wieder sehen: Fernerkundung und Baumkataster beantworten zwei verschiedene Fragen. Die eine sagt, wie viel Fläche beschattet ist. Die andere sagt, welcher Baum wo steht, wem er gehört, wie es ihm geht und wann er zuletzt kontrolliert wurde. Für Hitzeschutzplanung braucht man die erste. Für alles, wofür eine Kommune am Ende geradesteht, braucht man die zweite.
Quellen und weiterführende Links
- Deutsche Umwelthilfe, Pressemitteilung vom 09.06.2026 zum Hitze-Check 2026 mit den Eckdaten (195 Städte, Zeitraum 2018 bis 2025)
- Hitze-Check 2026, Tabelle aller Städte und Bundesländer (PDF, Stand Mai 2026): Definition des Beschirmungsgrades in Fußnote 1, Umrechnung in verlorene Bäume in Fußnote 4
- Baumkataster für Kommunen: was ein Bestand leisten muss, der die Verkehrssicherungspflicht trägt