Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 07.10.2026
Jetzt im Herbst liegt am Stammfuß genau das, was die Kontrolle am wenigsten brauchen kann: Laub. Und genau dort, in den ersten Handbreiten über dem Boden, sitzt der Pilz, den wir für den gefährlichsten Stammfußpilz der Baumkontrolle halten. Der Brandkrustenpilz (Kretzschmaria deusta, früher Ustulina deusta, Moderfäule) ist nicht deshalb gefährlich, weil er besonders schnell wäre. Er ist gefährlich, weil er auf drei Ebenen unauffällig bleibt: für das Auge, am Baum und im Messbild. Die dritte Ebene kennen auch viele Fachleute nicht, und sie ist der Anlass für diesen Beitrag.
Erste Ebene: was das Auge übersieht
Die Fruchtkörper sind klein. Reinartz und Schlag, die den Pilz seit den 1990er Jahren an Straßen- und Parkbäumen untersuchen, beschreiben sie als Flächen von normalerweise nur wenigen Quadratzentimetern. Im Frühjahr, etwa von April bis Juni, erscheinen sie als grauweiße Beläge mit hellem Rand, das ist das Stadium, das man noch am ehesten erkennt, und es dauert nur wenige Wochen. Danach überzieht sich der Fruchtkörper mit einer harten schwarzen Kruste, die nach Reinartz und Schlag von Baumrinde häufig kaum zu unterscheiden ist. Wer sie zum ersten Mal sieht, hält sie für eine Brandspur oder für Teer.
Dazu kommt der Ort. Der Befallsschwerpunkt liegt am Stammfuß auf Erdniveau und an den Wurzelanläufen, also dort, wo Laub liegt, Efeu wächst oder Bodendecker gepflanzt sind. Reinartz und Schlag nennen ausdrücklich die bepflanzte Baumscheibe als den Fall, in dem die Anzeichen häufig übersehen werden. Für die Regelkontrolle heißt das: Stammfuß ansehen heißt Stammfuß freilegen.
Der Befall ist trotzdem in der Regel nicht symptomlos. Der Pilz stört das Kambium punktuell von innen, der Baum reagiert mit Wundgewebe, und über die Jahre entstehen rippenartig hervortretende Einwallungen, bei geringem Zuwachs auch Rindenschäden und Wachstumsdefizite. Nach Reinartz und Schlag lässt sich eine Verkehrsgefährdung bei infizierten Bäumen mit einer qualifizierten Sichtkontrolle in der Regel erkennen. Man muss nur wissen, wonach man sucht.
Zweite Ebene: was der Baum nicht zeigt
Der Brandkrustenpilz verursacht eine Moderfäule, und das ist der Kern des Problems. Schwarze, Lonsdale und Mattheck haben 1995 die Zellwände befallenen Holzes unter dem Mikroskop untersucht: Im frühen Stadium bildet der Pilz Hohlräume in der mittleren Schicht der Zellwand, der sogenannten S2-Schicht, in der die tragende Zellulose liegt. Später kommt ein Abbau nach Art der Weißfäule hinzu, aber es bleibt über lange Zeit ein sprödes, ligninreiches Skelett stehen. Das Holz fühlt sich fest an und trägt trotzdem deutlich weniger. Es bricht, statt sich vorher zu verformen.
Auf den Baum übertragen bedeutet das: Die Krone bleibt lange grün. Reinartz und Schlag beschreiben Linden, die statisch versagt haben, obwohl sie noch gut bis befriedigend belaubt waren. Besonders gefährdet sind nach ihrer Erfahrung Bäume ohne ausgeprägte Wurzelanläufe, die wie ein Pfahl in der Erde stehen; bei ihnen ist der Stammfuß oft schon weitgehend ausgefault, wenn die ersten Fruchtkörper erscheinen. Das Gegenstück gibt es auch: Vitale Bäume mit kräftig verstärkten Wurzelanläufen leben nach denselben Autoren viele Jahre mit dem Befall. Der Befund allein entscheidet also nichts. Entscheidend ist, wie viel tragendes Holz übrig ist und ob der Baum nachlegt.
Dritte Ebene: was das Messgerät nicht sieht
Hier wird es für alle interessant, die Messergebnisse lesen oder beauftragen. Schwarze, Lonsdale und Mattheck haben 1995 zwei Geräte an diesem Pilz getestet: ein Schalllaufzeitgerät, wie es der Schalltomographie zugrunde liegt, und eine Bruchprobe an entnommenen Bohrkernen. Das Laufzeitgerät hat die Fäule des Brandkrustenpilzes weder an natürlich befallenen Bäumen noch an beimpften Holzproben erkannt, während es die Fäule des Zunderschwamms (Fomes fomentarius, Weißfäule), des Kupferroten Lackporlings (Ganoderma pfeifferi, Weißfäule), des Schuppigen Porlings (Polyporus squamosus, Weißfäule) und des Schwefelporlings (Laetiporus sulphureus, Braunfäule) sehr wohl anzeigte. Die Bruchprobe dagegen zeigte bei allen Pilzen, auch beim Brandkrustenpilz, schon im frühen Stadium große Festigkeitsverluste. Die Erklärung liefert die Mikroskopie aus derselben Arbeit: Das spröde Ligninskelett leitet die Schallwelle fast unverändert weiter. Das Holz ist steif geblieben und hat die Festigkeit verloren, und Schall misst Steifigkeit.
Dreizehn Jahre später haben Deflorio, Fink und Schwarze den Versuch an stehenden Bäumen wiederholt, diesmal mit einem Schalltomographen. Buchen, Bergahorne, Eichen und Douglasien wurden verwundet, mit verschiedenen Fäulepilzen beimpft und nach 2, 16 und 27 Monaten gemessen. An der Buche sank die Schallgeschwindigkeit nach der Beimpfung mit dem Brandkrustenpilz messbar. In den Tomogrammen war die Fäule trotzdem in keiner Kombination aus Baumart und Pilz zu erkennen, mit einer einzigen Ausnahme, die einen anderen Pilz betraf. Ein Tomogramm aus dem Frühstadium kann also fester aussehen, als das Holz trägt.
Die jüngste Arbeit stammt von Cristini und Kollegen aus dem Jahr 2022, an grünem Buchenholz, das mit dem Brandkrustenpilz beimpft wurde. Befallenes Holz zeigte eine deutlich ungleichmäßigere Dichteverteilung als gesundes, die Bruchfestigkeit hing eng mit dem Masseverlust zusammen, und der dynamische Elastizitätsmodul, in den die Dichte eingeht, sagte die Bruchfestigkeit besser voraus als die Schallgeschwindigkeit allein. Sinngemäß: Wer den Festigkeitsverlust durch diesen Pilz zerstörungsfrei beurteilen will, braucht die Dichte, nicht nur die Laufzeit.
Welches Verfahren die Frage beantwortet
In der Regelkontrolle gehört der Stammfuß freigelegt und angesehen, mit Blick auf Krusten, Einwallungen, zurückweichende Rinde und Wachstumsdefizite. Die Klopfprobe kann bei fortgeschrittener Fäule einen Hinweis geben, bei diesem Pilz ersetzt sie keine Messung. Ein Sichtfund rechtfertigt fast immer eine eingehende Untersuchung.
In der eingehenden Untersuchung muss die Dichte mit ins Bild. Die Bohrwiderstandsmessung mit dem IML-RESI PD400 misst den Widerstand einer dünnen Nadel gegen das Holz, eine Größe, die eng mit der Dichte zusammenhängt, und liefert am Befallsherd den Verlauf der Restwand. Wir setzen sie gezielt und so sparsam wie möglich ein, denn jede Bohrung ist eine Verletzung, und die Frage lässt sich meist mit wenigen Messpunkten beantworten. Die Schalltomographie ergänzt das Bild der ganzen Querschnittsfläche und zeigt fortgeschrittene Zersetzung zuverlässig. Bei diesem Pilz lesen wir sie aber mit dem Wissen aus den genannten Studien: Ein überwiegend fest wirkendes Tomogramm am Stammfuß einer Buche mit Brandkrustenpilz ist kein Freispruch. Geht es um die Standsicherheit, kommen Zugversuch oder Windreaktionsmessung dazu, weil der gefährliche Bruch bei diesem Pilz am Wurzelhals liegt.
Und dann die Entscheidung. Reinartz und Schlag beschreiben den Reflex, jeden Befall sofort mit einer Fällung zu beantworten, und halten dagegen: Die Wahrheit liegt in der Mitte, viele Bäume lassen sich mit sachgerechter Beurteilung lange erhalten. Wie das an einem alten Baum aussehen kann, zeigt unsere Fallstudie zum Brandkrustenpilz an einem Naturdenkmal: erst messen, dann entscheiden.
Was wir nicht sagen können
Wie oft der Brandkrustenpilz in Regelkontrollen übersehen wird, weiß niemand, eine Zählung dazu gibt es nicht. Wie lange es vom ersten Fruchtkörper bis zum Versagen dauert, hängt vom Baum ab. Und die drei Studien zur Messbarkeit arbeiten mit Holzproben und beimpften Bäumen, nicht mit gewachsenen Befällen an Straßenbäumen. Sie erklären, warum ein Messbild täuschen kann. Wie oft es das tut, sagen sie nicht.
Für die Praxis bleibt eine einfache Regel: Ein schwarzer Fleck am Stammfuß einer Buche, Linde oder Rosskastanie ist so lange ein Brandkrustenpilz, bis das Gegenteil feststeht. Und ein fester Klang oder ein grünes Tomogramm beendet den Verdacht bei diesem Pilz nicht.
Quellen und weiterführende Links
- Schwarze, Lonsdale, Mattheck (1995): Detectability of wood decay caused by Ustulina deusta in comparison with other tree-decay fungi. European Journal of Forest Pathology 25, S. 327 bis 341 (Schalllaufzeit erkennt die Fäule nicht, Bruchprobe schon; Hohlräume in der S2-Schicht, sprödes Ligninskelett)
- Deflorio, Fink, Schwarze (2008): Detection of incipient decay in tree stems with sonic tomography after wounding and fungal inoculation. Wood Science and Technology 42, S. 117 bis 132 (Tomogramme an stehenden Bäumen nach 2, 16 und 27 Monaten)
- Cristini, Tippner, Nop, Zlámal, Hassan Vand, Šeda (2022): Degradation of beech wood by Kretzschmaria deusta: its heterogeneity and influence on dynamic and static bending properties. Holzforschung 76 (9), S. 813 bis 824 (Dichteverteilung, Bruchfestigkeit, dynamischer Elastizitätsmodul gegen Schallgeschwindigkeit)
- Reinartz, Schlag: Schadwirkung und Kontrolle des Brandkrustenpilzes (PDF, ohne Jahresangabe, jüngste zitierte Quelle 1997) (Fruchtkörper, Einwallungen, gefährlicher und unproblematischer Fall)
- Lexikoneintrag Brandkrustenpilz im Lexikon holzzersetzender Pilze (Erkennung, Verwechslung, Prüfung)
- Fallstudie: Brandkrustenpilz am Naturdenkmal, messen statt reflexhaft fällen