Balkendiagramm: erfahrene Gutachter bestimmen optimal ausgeprägte Pilzfruchtkörper zu 99 Prozent richtig, atypisch ausgeprägte nur zu 67 Prozent, den Rotrandigen Baumschwamm ohne roten Rand zu 50 Prozent

Pilzfund ohne sicheren Artnamen: was bei atypischen Fruchtkörpern in den Kontrollbericht gehört

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 23.09.2026

In der Herbstkontrolle steht man regelmäßig vor einem Fund, der zu nichts passt. Der Fruchtkörper am Stammfuß ist verwittert, angefressen, halb vermoost oder ihm fehlt ausgerechnet das Merkmal, das ihm seinen Namen gibt. Die Frage am Baum ist dann nicht, wie der Pilz heißt. Die Frage ist, was in den Kontrollbericht kommt.

Wie viel an der Ausprägung hängt

Zu dieser Alltagslage gibt es seit diesem Jahr eine Zahl. Im Jahrbuch der Baumpflege 2026 haben Niclas Geßner, Dirk Dujesiefken und Rolf Kehr zehn Fruchtkörper von acht Arten prüfen lassen, als Kontrollgruppe auch von sechs erfahrenen Gutachtern. Über alle zehn Funde lagen diese im Mittel bei 93 Prozent richtiger Bestimmungen. Nimmt man nur die acht optimal ausgeprägten Fruchtkörper, sind es 99 Prozent. Bei den beiden Stücken, die mit Absicht keine Lehrbuchexemplare waren, sinkt der Mittelwert auf 67 Prozent. Der schwächste Einzelwert gehört dem Rotrandigen Baumschwamm (Fomitopsis pinicola, Braunfäule) ohne den roten Rand, der ihm den Namen gibt: 50 Prozent.

Balkendiagramm: erfahrene Gutachter bestimmen optimal ausgeprägte Fruchtkörper zu 99 Prozent richtig, atypisch ausgeprägte nur zu 67 Prozent, den Rotrandigen Baumschwamm ohne roten Rand zu 50 Prozent
Trefferquote der sechs Gutachter nach Ausprägung des Fundes. Zahlen aus der unten genannten Untersuchung, Tabelle 6.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Stichprobe ist klein, die Autoren lesen ihre Mittelwerte selbst nur als orientierende Vergleichswerte. Und die Gutachter hatten ausschließlich Fotos vor sich, ohne Angaben zu Substrat, Standort und Maßstab. Am Baum steht man besser da, weil genau dieser Kontext die halbe Bestimmung ist. Der Abstand zwischen 99 und 67 bleibt trotzdem aussagekräftig, denn er entsteht bei denselben Prüfern mit derselben Methode. Nur die Ausprägung des Fundes ist anders.

Warum der Fruchtkörper so oft nicht ins Bild passt

Das ist kein Ausnahmefall, sondern die Regel. Ein Fruchtkörper verändert sich im Jahresverlauf, und bei manchen Arten verändert er sich bis zur Unkenntlichkeit. Der Brandkrustenpilz (Kretzschmaria deusta, Moderfäule) zeigt das gut. Von April bis Juni bildet er zunächst das unvollkommene Stadium: weiße Myzelfächer, die sich verdicken und eine graublaue, pulvrig wirkende Oberfläche bekommen, mit einem weißen Rand, solange sie wachsen. Im Lauf des Sommers geht er in das vollkommene Stadium über und überzieht sich mit einer harten schwarzen Kruste. Reinartz und Schlag beschreiben in ihrem Fachbeitrag zum Brandkrustenpilz, dass gerade ältere Fruchtkörper dieses späten Stadiums von Baumrinde häufig kaum zu unterscheiden sind, etwa an alten Linden. Beide Stadien bedecken meist nur wenige Quadratzentimeter.

Derselbe Pilz ist also im Frühsommer für ein geschultes Auge gut ansprechbar und im Winter beinahe unsichtbar. Wer im November nichts findet, hat damit nicht gezeigt, dass nichts da ist.

Der Artname ist nicht die Entscheidung

Hier liegt der eigentliche Denkfehler, dem wir in Berichten und Gesprächen begegnen: Das Urteil zur Verkehrssicherheit hänge am Artnamen. Das tut es nicht. Es hängt an drei anderen Punkten.

Erstens an der Art der Fäule. Weißfäulepilze bauen unter anderem Lignin ab, das Holz bleibt oft lange zäh. Braunfäulepilze bauen die Zellulose ab, das Holz wird würfelig und spröde. Die Moderfäule des Brandkrustenpilzes macht es ebenfalls spröde, und zwar ohne die Vorwarnzeichen, die zähes weißfaules Holz oft noch gibt. Zweitens am Ort: ein sicher bestimmter Fund im Kronenansatz ist eine andere Lage als ein unbestimmter am Wurzelanlauf, wo die Hebelkräfte am größten sind. Drittens daran, ob der Baum den Holzabbau kompensiert, also im Befallsbereich noch zulegt.

Alle drei Punkte lassen sich am Baum bearbeiten, auch ohne Artnamen. Das wichtigste Symptom liegt ohnehin nicht im Fruchtkörper. Beim Brandkrustenpilz sind es die befallstypischen Einwallungsfurchen: Der Pilz stört punktuell das Kambium, der Baum reagiert wie auf eine äußere Verletzung mit Wundgewebe, kann die Wunde aber nicht schließen, und so treten mit den Jahren rippenartige Wülste hervor. Diesen Befund liest man am Holzkörper, ganz gleich ob gerade ein Fruchtkörper da ist.

Ein Merkmal allein trägt keine Bestimmung

Der Fehler geht auch in die andere Richtung. Schwarze Linien im faulen Holz, fachlich Pseudosklerotien, gelten vielen als Beweis für den Brandkrustenpilz. Bei offenen Fäulen sind sie ein wichtiger diagnostischer Hinweis, artspezifisch sind sie nicht. Auch das Myzel anderer Pilze bildet solche Abgrenzungslinien, etwa beim Hallimasch (Armillaria spp., Weißfäule). Für eine zweifelsfreie Zuordnung braucht es deshalb wieder die Fruchtkörpermerkmale oder eine mykologische Bestimmung im Labor. Wer aus einem einzelnen Merkmal eine Art macht, hat sich die Sicherheit nur ausgeliehen.

Was in den Bericht gehört

Aus alledem folgt eine Dokumentation, die beschreibt statt zu behaupten:

  • Der Fund selbst: Wuchsort am Baum mit Höhenangabe, Substrat, Größe, Konsistenz, Farbe von Ober- und Unterseite, Zuwachsrand, Fremdbewuchs, Datum. Diese Angaben machen eine spätere Bestimmung überhaupt erst möglich.
  • Fotos mit einem Maßstab im Bild, mindestens Ober- und Unterseite, dazu eine Aufnahme, die den Fund am Baum verortet. Ohne Größenreferenz ist eine Konsole von acht Zentimetern später nicht von einer mit vierzig zu unterscheiden.
  • Die Bestimmung so weit, wie sie trägt, und ausdrücklich als Annahme gekennzeichnet. „Vermutlich Braunfäuleerreger am Wurzelanlauf, Art aus dem Fund nicht sicher ansprechbar” ist eine belastbare Aussage. Ein Artname, den man nicht halten kann, ist es nicht.
  • Die Konsequenz, und zwar mit Termin: Nachschau im Frühjahr, wenn das gesuchte Stadium erscheint. Nachkontrolle in der laubfreien Zeit. Oder die eingehende Untersuchung, wenn die Lage am Baum keine Zeit lässt.

Nicht in den Bericht gehört ein Artname, der aus dem Vorschlag eines Programms stammt. Warum solche Werkzeuge ausgerechnet beim schlecht ausgeprägten Fruchtkörper einbrechen, haben wir in einem eigenen Beitrag über die Grenzen der KI-Bestimmung aufgeschrieben.

Offen ist nicht unerledigt

Ein Fund, der offen dokumentiert und mit einer Frist versehen ist, ist bearbeitet. Schiefgehen kann es in zwei Richtungen. Die eine ist der zu sichere Artname, der eine Entscheidung trägt, die er nicht tragen kann. Die andere ist das Weglassen, weil sich nichts Genaues sagen ließ, und die ist in der Praxis die teurere: Was nicht im Bericht steht, wird nicht wiedervorgelegt.

Und die offene Formulierung führt keineswegs regelmäßig zur Säge. Schon für den Brandkrustenpilz, den viele als „brandgefährlich” führen, halten Reinartz und Schlag fest, dass die Gleichung Befall gleich Fällung zu kurz greift: Bäume, die den Holzabbau durch Zuwachs kompensieren, lassen sich über viele Jahre erhalten. Genau deshalb lohnt es sich, den Fund sauber offen zu halten, statt ihn vorschnell in die eine oder andere Richtung zu entscheiden. Wenn die Frage nach der Reststandfestigkeit dann tatsächlich ansteht, beantwortet sie keine Bestimmung, sondern eine Messung. Was dabei gemessen wird und wogegen der Wert läuft, steht auf unserer Seite zur eingehenden Untersuchung.

Quellen und weiterführende Links

  • Geßner, N.; Dujesiefken, D.; Kehr, R. (2026): Bestimmung von Pilzfruchtkörpern mit KI. Grenzen und Möglichkeiten bei der Baumkontrolle. In: Dujesiefken, D.; Amtage, T.; Streckenbach, M. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2026, 30. Jg., Haymarket Media, Braunschweig, S. 222 bis 231, ISBN 978-3-87815-294-1. Die Trefferquoten in diesem Beitrag stammen aus Tabelle 6 und dem Text auf Seite 227.
  • Reinartz, H.; Schlag, M.: Schadwirkung und Kontrolle des Brandkrustenpilzes (Fachbeitrag ohne Jahresangabe, jüngste dort zitierte Quelle 1997). Grundlage der Angaben zu den Fruchtkörperstadien, den Einwallungsfurchen und den Pseudosklerotien.
  • Bundesforschungszentrum für Wald, Österreich: Baumpilze erkennen. Biologie, Erstbestimmung und Risiko, zur Rolle und zu den Grenzen einer Erstbestimmung im Feld.
  • Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau: FLL-Baumkontrollrichtlinien, Ausgabe 2020, fachliches Regelwerk für die Regelkontrolle und ihre Dokumentation.
  • Unser Lexikon holzzersetzender Pilze mit den Merkmalen und Fäuletypen der hier genannten Arten.