Balkendiagramm: Baumsuche gefunden 74 Prozent freistehend und 50 Prozent im dichten Bestand gegen 53 Prozent beim KIT; richtig 62,5 Prozent gegen 44 Prozent beim KIT

Drei von vier Bäumen stehen auf der Karte, bevor jemand losgeht: was unsere Baumsuche vor der Ersterfassung leistet

Autor: Andreas Klocke, Sachverständiger für Baumstatik · zuletzt fachlich aktualisiert am 28.09.2026

Bevor wir einen Bestand zum ersten Mal aufnehmen, stellen uns Bestandshalter immer dieselben drei Fragen: Wie viele Bäume sind es, wie groß sind sie, und wo stehen sie? Früher hieß die ehrliche Antwort: Das wissen wir, wenn wir durch waren. Heute steht der größte Teil davon auf der Karte, bevor jemand losgeht. Unsere Baumsuche im Kataster liest ihn aus amtlichen Geodaten. Wie gut sie das macht, haben wir an zwei vermessenen Referenzbeständen nachgemessen. Die Zahlen stehen unten, auch die, die uns nicht schmeicheln.

Was die Baumsuche macht

Grundlage sind drei Datensätze, die die Landesvermessungen kostenfrei bereitstellen: das Oberflächenmodell aus der Laserscan-Befliegung, aus dem sich die Höhe jedes Objekts über dem Boden ergibt, das Infrarot-Luftbild, aus dem sich lebende Vegetation von allem anderen trennen lässt, und die Gebäudeumrisse aus dem Liegenschaftskataster. Als Baum vorgeschlagen wird nur, was hoch ist, eine Vegetationssignatur trägt, eine Kronenform zeigt und nicht auf einem Dach steht. Laternen, Masten und Gebäude fallen so von vornherein heraus.

Für jeden Vorschlag liefert die Suche den Standort, die Höhe aus dem Laserscan und einen Kronendurchmesser als Anhaltspunkt. Gesucht wird im Auftragsgebiet, also auf den Flurstücken des Bestandshalters oder in einem gezeichneten Polygon. Der Kontrolleur bekommt bei der Erstbegehung eine Karte mit Vorschlägen, die er bestätigt, verschiebt oder verwirft. Die Suche schlägt vor, der Mensch entscheidet.

Wie wir gemessen haben

Eine Trefferquote ist nur so gut wie die Referenz, an der sie gemessen wird, und wie die Regel, nach der ein Treffer zählt. Wir haben zwei Referenzen benutzt. Die erste ist ein kommunales Kataster in Niedersachsen, in dem jeder Baum mit RTK-Vermessung eingemessen wurde, insgesamt 5.375 Bäume, von denen wir nur die 2.743 sauber erfassten aus der zweiten Erfassungsphase verwendet haben. Daraus haben wir zwei Fenster von je 16 Hektar ausgewertet, ein locker bestocktes mit 232 Bäumen und das dichteste mit 244. Die zweite Referenz ist ein Arboretum in Nordrhein-Westfalen, neun Hektar, 845 Bäume ab drei Meter Höhe, vollständig erfasst. Dort stehen 94 Bäume je Hektar, dichter als in fast jeder Grünanlage.

Die Zählregel ist der Punkt, an dem viele veröffentlichte Quoten auseinanderfallen. Wir haben streng eins zu eins zugeordnet: Ein Vorschlag zählt für genau einen Referenzbaum innerhalb von fünf Metern, danach ist er verbraucht. Lässt man dieselbe Auswertung mit der lockeren Regel laufen, bei der ein Referenzbaum als gefunden gilt, sobald irgendein Vorschlag in fünf Metern Nähe liegt, springt das Arboretum von 51 auf 80 Prozent. Die zweite Zahl ist nicht falsch gerechnet. Sie beantwortet nur eine andere Frage, und in einem dichten Bestand schenkt sie rund 25 Prozentpunkte. Wer eine Quote liest, sollte nach der Zählregel fragen.

Balkendiagramm: Baumsuche gefunden 74 Prozent freistehend und 50 Prozent im dichten Bestand gegen 53 Prozent beim KIT; richtig 62,5 Prozent gegen 44 Prozent beim KIT
Eigene Messung (Juli 2026, 1:1-Zuordnung, 5 m Toleranz) neben den Zahlen des KIT für ein Kölner Quartier. Unterschiedliche Referenzen, gleiche Kenngrößen.

Die Zahlen

KenngrößeEigene MessungKIT 2024, Kölner Quartier
Gefunden, freistehende Bäume (Nachbar mindestens 8 m entfernt)74 %53 %
Gefunden, dichter Bestand50 bis 51 %
Richtig, also Anteil der Vorschläge, die wirklich ein Baum sind62,5 % (Arboretum, vollständig erfasst)44 %
Lage der TrefferMedian 2,1 m, 90 % innerhalb 4,5 mnicht ausgewiesen

Die Vergleichsspalte stammt aus einer Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie, die ein ähnliches Verfahren aus Laserscan, Orthofoto und Gebäudemodell in einem Kölner Stadtteil gegen 1.683 von Hand kartierte Bäume gehalten hat, Privatgärten eingeschlossen. Die Referenzen sind nicht identisch, ein Wohnquartier ist weder ein Arboretum noch eine Straßenbaumreihe. Die Kenngrößen sind aber dieselben, und die Richtung ist eindeutig: Bei der Präzision liegen wir mit 62,5 gegen 44 Prozent klar vorn, bei freistehenden Bäumen mit drei von vier gegen gut die Hälfte ebenfalls. Im dichten Bestand liegen beide Verfahren gleichauf, und das aus demselben Grund: Von oben sieht man Kronendächer, keine Stämme. Ein Baum unter dem Schirm eines größeren ist im Höhenmodell nicht da.

Warum die Präzision bei uns höher ausfällt, lässt sich benennen. Die Gebäudeumrisse aus dem Liegenschaftskataster schließen Dächer aus, die Vegetationssignatur schließt Masten und Laternen aus, und die Kronenform verhindert, dass eine breite Altkrone in mehrere kleine Bäume zerlegt wird. Das war in der Kölner Untersuchung der Hauptgrund für die vielen Fehlmeldungen.

Was das für die Vorplanung bedeutet

Für die Frage, ob man einen Bestand allein aus der Luft erfassen kann, ist die Antwort nein, und sie wird auch mit besseren Modellen nicht ja. Für die Frage, was man vor der ersten Begehung schon weiß, ist die Antwort erstaunlich viel.

  • Mengengerüst. Bei Straßenbäumen, Wohnanlagen, Friedhöfen und Parks steht die Größenordnung des Bestands vor dem Angebot fest. Wer 74 Prozent der freistehenden Bäume auf der Karte hat, kalkuliert die Ersterfassung nicht mehr nach Gefühl.
  • Dimensionen. Höhe und Kronendurchmesser liegen als Anhaltspunkt vor. Das entscheidet, ob eine Kronenpflege vom Boden, mit dem Hubsteiger oder in Seilklettertechnik erfolgt, und welcher Steiger überhaupt hinreicht. Geschätzte Höhen weichen regelmäßig nach unten ab, der Laserscan nicht.
  • Wo es dicht wird. Die Suche zeigt selbst, wo sie an ihre Grenze kommt: Wo Kronen verschmelzen, kommen weniger Vorschläge, als Bäume stehen. Für solche Partien planen wir von vornherein die Flächenkontrolle nach den FLL-Baumkontrollrichtlinien ein, statt so zu tun, als ließe sich dort jeder Stamm aus der Luft zählen.
  • Kataster-Lücken. Liegt schon ein Bestand vor, zeigt der Abgleich, wo Vorschläge ohne Katasterbaum stehen. Dort wird bei der nächsten Begehung nachgesehen.

Was die Suche nicht ist

Sie ist kein Vollzensus, und wir nennen sie auch so nicht. Etwa jeder vierte freistehende Baum und jeder zweite im dichten Bestand kommt erst bei der Begehung dazu. Die Landesbefliegung liegt je nach Region ein bis drei Jahre zurück, Jung- und Kleinbäume unterhalb der Suchschwelle sieht sie nicht, und Höhe wie Kronendurchmesser sind Anhaltspunkte, keine Messwerte. Pilzfruchtkörper am Stammfuß, Rindenschäden oder ein aufgerissener Wurzelanlauf sind ohnehin nur am Baum zu sehen. Die Bewertung, für die ein Bestandshalter am Ende geradesteht, entsteht bei der Begehung. Die Suche sorgt dafür, dass die Begehung nicht bei null anfängt.

In der Praxis bedeutet das: Wer uns ein Auftragsgebiet nennt, bekommt vor der ersten Begehung ein Mengengerüst mit Höhenklassen und weiß, wo der Bestand dicht ist. Wie das im Baumkataster aussieht und wie die Vorschläge im Feld bestätigt werden, zeigen wir gern an einer Liegenschaft Ihrer Wahl.

Quellen und weiterführende Links

  • Rein, Naber, Volk, Schultmann: Automatisierte Erkennung von Baumkronen in urbanen Gebieten mittels Fernerkundungsdaten, KIT 2024, Open Access, DOI 10.5445/IR/1000178443 (Testgebiet Köln-Weidenpesch, 1.683 kartierte Bäume, Precision 0,44, Recall 0,53)
  • Geobasis NRW, Open Data: Höhenmodelle (nDOM, DGM, DOM) und Luftbilder inklusive Infrarotkanal
  • LGLN Niedersachsen: Open Geodata Portal
  • FLL: Baumkontrollrichtlinien, Ausgabe 2020 (Flächenkontrolle für waldartige Bestände)
  • Eigene Auswertung vom 24.07.2026: RTK-vermessenes kommunales Kataster in Niedersachsen (2.743 ausgewertete Bäume) und vollständig erfasstes Arboretum in NRW (845 Bäume ab 3 m), 1:1-Zuordnung, Toleranz 5 m. Referenzbestände auf Wunsch der Eigentümer nicht benannt.